Seit einigen Jahren empfindet eine stetig wachsende Anzahl von Menschen das Bedürfnis nach geschlechtsneutralen Begriffen. Während schriftlich immer mehr Menschen den Genderstern (z. B. Bürger*innen) und ähnliche Sonderzeichen verwenden, gibt es einen steigenden Wunsch nach einer leicht aussprechbaren Lösung, die auch in der Einzahl gut funktioniert.

Es gibt mehrere Anwendungsfälle für geschlechtsneutrale Sprache, z. B.:

  • um über eine Personengruppe gemischten Geschlechts zu sprechen
  • um über eine nicht-binäre Person zu sprechen, also über eine Person, die sich weder als ausschließlich weiblich noch als ausschließlich männlich identifiziert
  • um über eine unspezifische Person beliebigen Geschlechts zu sprechen

Es gibt zum Beispiel den Vorschlag, geschlechtsneutrale Substantive durch Anhängen von -e bzw. -re an die maskuline Form zu bilden und dazu de als geschlechtsneutralen Artikel zu verwenden:

de Bürgere – de Schülere – de Lehrere – de Kollegere – de Kundere

Aus grammatischer Sicht geht es bei diesem und ähnlichen Vorschlägen darum, ein neues Genus (grammatisches Geschlecht) in die deutsche Sprache einzuführen, das wir Inklusivum nennen. Anders als Maskulinum und Femininum hat das Inklusivum keinen Bezug zu einem der beiden traditionellen Geschlechter, und anders als das Neutrum erweckt es nicht den Eindruck, dass die genannte Person als Sache dargestellt wird.

Für den inklusivischen Artikel gibt es auch andere Vorschläge, z. B. dey oder dier. Genauso für die inklusivischen Substantive, z. B. Bürgens oder Bürgeris (mit kurzem i wie in Praxis). In der Facebook-Gruppe Geschlechtsneutrales Deutsch und auf dem Discord-Server Geschlechtsneutrales Deutsch haben sich Menschen zusammengefunden, die an der Entwicklung und Verbreitung solcher geschlechtsneutraler Begriffe interessiert sind. Da es viele Vorschläge für geschlechtsneutrale Formen gibt, haben wir begonnen, Umfragen durchzuführen, um die beliebtesten Lösungen zu ermitteln.

Bei unserer ersten öffentlichen Umfrage mit 500 Teilnehmenden ging es um geschlechtsneutrale Substantive, Artikel und Pronomen, jeweils um die Grundformen in der Einzahl des Wer-Falls. Von elf Vorschlägen für geschlechtsneutrale Substantive hat die Endung -e am besten abgeschnitten. Von elf Vorschlägen für den bestimmten Artikel waren de und dey am beliebtesten und dier nur knapp dahinter. Von siebzehn Vorschlägen für den unbestimmten Artikel hat ein am besten abgeschnitten. Hier die Umfrage-Ergebnisse im Detail.

Bezüglich der Pronomen herrscht unter nicht-binären Personen der Konsens, dass jede Person selber entscheiden kann, welches Pronomen für sie verwendet werden soll. Es gibt bei vielen aber auch den Wunsch, dass sich zukünftig im Sprachgebrauch ein geschlechtsneutrales Pronomen so weit etabliert, dass man dieses Pronomen für sich auswählen kann, ohne ständig erklären zu müssen, wie es funktioniert. Ein solches geschlechtsneutrales Pronomen könnte außerdem verwendet werden, um über eine unspezifische Person beliebigen Geschlechts zu sprechen – oder über eine spezifische Person unbekannten Geschlechts. Bei der oben genannten Umfrage waren von zwanzig Vorschlägen für das geschlechtsneutrale Pronomen hen und dey am beliebtesten und em nur knapp dahinter.

Wir planen, durch weiteren Ideenaustausch und weitere Umfragen zu einem Konsens zu kommen, bei dem auch der Plural der inklusivischen Substantive und die Deklination der inklusivischen Artikel in den verschiedenen grammatischen Fällen berücksichtigt werden. Das Ziel dabei ist ein System, das möglichst leicht erlernbar und leicht aussprechbar ist und mit dem sich möglichst viele der an diesem Thema interessierten Deutschsprachigen anfreunden können. Wir wollen keine Sprachformen vorschreiben, sondern lediglich Möglichkeiten für mehr sprachliche Flexibilität erschaffen.

Nach der oben genannten öffentlichen Umfrage haben wir uns beim Ideenaustausch in den beiden oben genannten Foren erst einmal auf die Form der geschlechtsneutralen Substantive in Einzahl und Mehrzahl konzentriert. Dazu haben wir im April 2021 eine gruppeninterne Umfrage mit 42 Teilnehmenden durchgeführt. Neben dem schon bekannten Genderstern hat dabei die anfangs erwähnte Endung -e bzw. -re für die Einzahl am besten abgeschnitten, wobei für die Mehrzahl die Endung -erne am beliebtesten ist:

die Bürgerne – die Schülerne – die Lehrerne – die Kollegerne – die Kunderne

Auch wenn viele Details der angestrebten Konsenslösung noch durch weiteren Ideenaustausch und Umfragen ermittelt werden müssen, wollen wir hier schon einmal durch drei mögliche Systeme für geschlechtsneutrales Deutsch beispielhaft veranschaulichen, wie eine in sich geschlossene Gesamtlösung für das Inklusivum aussehen könnte:

Hier ein Textbeispiel im De-E-System:

Tanwarin Sukkhapisit ist ein thailändische Filmemachere und Politikere mit nicht-binärer Geschlechtsidentität. Hen ist für Kurzfilme und Spielfilme bekannt, die sich mit der LGBT-Erfahrung auseinandersetzen. Bei den Wahlen im Jahr 2019 wurde hen zurn ersten offen transidenten Abgeordneten im thailändischen Parlament. Als Hauptprioritäten derer Abgeordnetentätigkeit hat Tanwarin deren Einsatz für die Ehe für alle sowie für eine Überarbeitung des schulischen Sexualkundeunterrichts genannt.

Zur Veranschaulichung des De-E-Systems an längeren Beispielstexten gibt es eine Seite über bekannte nicht-binäre Personen.

Weitere Hintergrund-Information zum Thema geschlechtsneutrale Sprache und zu den Gründen für die Einführung des Inklusivums gibt es auf den folgenden Seiten:

Falls Du daran interessiert bist, bei der Entwicklung, Bewertung und Verbreitung solcher Vorschläge für geschlechtsneutrales Deutsch mitzuwirken, kannst Du einem der vier dafür eingerichteten Diskussionsforen beitreten: