Ausführliche Beschreibung des De-Hen-E-Systems

Das De-Hen-E-System ist ein Vorschlag dazu, wie systematisch neue geschlechtsneutrale Substantive, Pronomen, Artikel und Adjektiv-Endungen in die deutsche Sprache eingeführt werden könnten. Aus grammatischer Sicht würde ein neues grammatisches Geschlecht in die deutsche Sprache eingeführt, das Inklusivum. Anders als Maskulinum und Femininum bezieht sich das Inklusivum auf alle Geschlechter, und anders als das Neutrum nur auf Personen.

Der geschlechtsneutrale Artikel lautet im Inklusivum de. Die meisten geschlechtsneutralen Substantive werden durch Anhängen der Endung -e an die maskuline Form gebildet:

de Bürgere – de Schülere – de Studente – de Aktiviste – de Arzte

Wenn wie bei Kollege oder Kunde die maskuline Form schon auf -e endet oder wie bei Freund oder Sekretär die Mehrzahl der maskulinen Form durch Anhängen von -e gebildet wird, so wird für die geschlechtsneutrale Form stattdessen -ern verwendet:

de Kollegern – de Kundern – de Freundern – de Sekretärern

Die Mehrzahl der geschlechtsneutralen Form endet immer auf -erne:

die Bürgerne – die Schülerne – die Studenterne – die Aktivisterne – die Ärzterne

die Kollegerne – die Kunderne – die Freunderne – die Sekretärerne

Als unbestimmter Artikel wir ein verwendet. Adjektive enden im Nominativ nach einem Artikelwort auf -e, z. B. de gute Schülere oder ein gute Schülere. Wenn kein Artikelwort vor dem Adjektiv steht, lautet die Endung im Nominativ ‑ern, z. B.: Schon als 13-jährigern Schülere hat Kim Bücher auf fünf verschiedenen Sprachen gelesen. Substantivierte Adjektive werden im Inklusivum mit derselben Endung verwendet wie nicht-substantivierte Adjektive, z. B.: De Verlobte von Kim ist der Meinung, dass ein Abgeordnete des Bundestages nicht gleichzeitig als Vorstandsvorsitzendern eines Großkonzerns tätig sein sollte.

Die Endung -ern wird auch bei all jenen Artikelwörtern und Pronomen verwendet, die im Femininum auf -e und im Maskulinum auf -er enden, z.B. jedern, diesern und welchern.

Im Akkusativ lauten alle Formen genauso wie im Nominativ. Im Genitiv enden alle Artikelwörter auf ‑ers, im Dativ auf ‑erm, z. B: Gib das bitte derm Nachbare deiners Kollegern. Diese Endungen werden auch bei Adjektiven verwendet, vor denen kein Artikelwort steht, z. B. Dir als fleißigerm Schülere wird es schon gelingen, trotz schlechters Lehrere eine gute Note bei der Abi-Prüfung zu bekommen. Bei Adjektiven mit vorangehendem Artikel hingegen wird genauso wie im Femininum, Maskulinum und Neutrum die Endung -en im Genitiv und Dativ verwendet, z. B.: Gib das bitte derm kranken Nachbare deiners neuen Kollegern.

Damit ergibt sich für das Inklusivum die folgende Deklinationstabelle:

Nominativde gute Arzteein gute Arztegutern Arztejedern
Genitivders guten Arzteeiners guten Arzteguters Arztejeders
Dativderm guten Arzteeinerm guten Arzteguterm Arztejederm
Akkusativde gute Arzteein gute Arztegutern Arztejdern

Das inklusivische Personalpronomen lautet hen. Diese Form wird unverändert im Nominativ und Akkusativ verwendet, wohingegen im Dativ die Form ihrm als Verschmelzung der femininen Form ihr und der maskulinen Form ihm verwendet wird. Auch der Possessivartikel wird durch eine solche Verschmelzung gebildet, nämlich sihr als Verschmelzung von sein und ihr.

Hier einige Beispielsätze:

  • De Lehrere gibt derm Schülere das Buch.
  • Hen gibt ihrm das Buch.
  • Das Buch meiners Professore ist interessant.
  • Kennst Du eigentlich mein Freundern Kim?
  • Ja, ich kenne hen schon.
  • Und kennst Du auch sihr Kollegern Andrea?
  • Nein, ich glaub nicht, dass ich hen schon kennengelernt habe.
  • Ich kenne aber schon viele andere Kollegerne von Kim.
  • Bei uns ist jedern willkommen!

Das Pronomen jemand ist zwar semantisch schon geschlechtsneutral, hat aber maskuline Endungen: jemand/jemandes/jemandem/jemanden. Im De-Hen-E-System bietet es sich an, dieses Wort analog zu dem unbestimmten Artikel zu deklinieren: jemand/jemanders/jemanderm/jemand.

Beim Thema Pronomen sollte auch noch etwas zu dem Wort man angemerkt werden: Obwohl dieses Wort semantisch immer geschlechtsneutral war, führt seine Ähnlichkeit zum Wort Mann bei manchen zu Unbehagen, weswegen einige auch schon Alternativen wie frau und mensch bevorzugen. Die Alternative mensch funktioniert eigentlich gut, im De-Hen-E-System bietet es sich aber auch an, das Wort einern im Sinne von man zu verwenden. Im Dativ und Akkusativ wird man ohnehin durch das Pronomen einem bzw. einen ersetzt. Es ist also naheliegend, auch im Nominativ dieses Pronomen zu verwenden, aber natürlich in der geschlechtsneutralen Form einern. Mit der Zeit wird es sich zeigen, ob sich einern oder mensch durchsetzt.

Bei allen Substantiven, deren Grundform maskulin ist und deren feminine Form durch Anhängen von -in gebildet wird, kann die geschlechtsneutrale Form durch eine der Endungen -e oder -ern gebildet werden. Es gibt allerdings auch andere Arten von Substantiven mit geschlechtsspezifischer Bedeutung. Im Folgenden wird erklärt, wie mit diesen weiteren Substantiven im De-Hen-E-System umgegangen werden kann.

Anstatt Mann und Frau kann meistens Person verwendet werden. Wenn betont werden soll, dass es sich um eine erwachsene Person handelt, kann auch de Erwachsene verwendet werden. Die Verwendung von Person bietet sich auch bei zusammengesetzten Wörtern an, z. B. Feuerwehrperson anstatt Feuerwehrmann und Feuerwehrfrau.

Bei Verwandtschaftsbezeichnungen sind die weibliche und die männliche Form meistens unabhängige Wörter, z. B. Sohn/Tochter oder Tante/Onkel. Für Sohn/Tochter gibt es schon die etwas veraltete geschlechtsneutrale Alternative Spross, wobei es bei der Wiederbelebung dieses Wortes naheliegt, es jetzt im Inklusivum zu verwenden: de Spross. Für mache Verwandtschaftsbezeichnungen bietet es sich an, eine geschlechtsneutrale Form durch Verschmelzung der existierenden Formen bilden: de Nefte (von Neffe/Nichte) und de Tonke (von Tante/Onkel). Bei den durch Verschmelzung gebildeten Verwandtschaftsbezeichnungen wird auch der Plural parallel zur männlichen und weiblichen Pluralform gebildet: die Neften (von Nichten/Neffen) und die Tonken (von Tanten/Onkel). Bei Cousine/Cousin bietet sich eine Verwendung der Endung -ern an: de Cousern (mit Betonung auf der zweiten Silbe), im Plural die Couserne.

Es gibt zusätzlich noch einige Sonderfälle, für die wir ebenfalls Vorschläge haben:

  • Auch wenn die feminine Form eine unregelmäßig Endung hat (z. B. Prinz/Prinzessin), kann die Endung -e an die maskuline Form angehängt werden, um eine geschlechtsneutrale Form zu schaffen: de Prinze.
  • für die geschlechtsneutrale formale Anrede bietet es sich an, statt Herr oder Frau das Wort Person zu verwenden, z. B. Person Müller statt Herr Müller oder Frau Müller.
  • Statt Junge/Mädchen kann einern meistens einfach Kind sagen. Da aber Junge und Mädchen umgangssprachlich manchmal auch für junge Erwachsene verwendet werden und außerdem bei Jugendlichen gebräuchlicher als Kind sind, ist auch eine geschlechtsneutrale Form zu Junge/Mädchen wünschenswert. Manche Leute benutzen im Plural Kids mehr oder weniger in derselben Bedeutung wie Jungen und Mädchen, so dass es sich anbietet, de Kid als geschlechtsneutrale Alternative zu Junge/Mädchen zu verwenden.
  • Als geschlechtsneutrale Alternative zu Mama/Papa schlagen wir Wawa vor. Ähnlich kann mensch Wawi, Owa und Owi als geschlechtsneutrale Alternativen zu Mami/Papi, Oma/Opa und Omi/Opi verwenden
  • Bei Hundehalteronen empfiehlt es sich statt Frauchen und Herrchen die geschlechtsneutrale Form Haltere zu verwenden.
  • geschlechtsneutrale Alternative zu Nonne/Mönch: Mönne
  • geschlechtsneutrale Alternative zu Witwe/Witwer: Witwern
  • geschlechtsneutrale Alternativen zu Amme bzw. Hebamme: Ammern bzw. Hebammern

Die Idee hinter dem De-Hen-E-System ist es, neue Ausdrucksmöglichkeiten für die geschlechtsneutrale Benennung von Personen einzuführen, um es jenen, die sich in bestimmten Kontexten gerne geschlechtsneutral ausdrücken wollen, zu ermöglichen, dies auf eine Weise zu tun, die auch in der gesprochenen Sprache problemlos funktioniert. Unberührt von diesen Erneuerungen bleiben dabei natürlich Substantive, die nicht Personen bezeichnen, wie der Tisch, die Liebe und das Buch. Und wenn einern das Geschlecht einer Person erwähnen will, wird einern dafür natürlich weiterhin die traditionellen Formen verwenden, sodass diese Formen auch unter den Anhängernen des De-Hen-E-Systems weiter existieren werden. Bezüglich der Frage, wann einern die geschlechtsneutralen Neuformen verwendet und wann einern bei den traditionellen geschlechtsspezifischen Formen bleibt, wird es unter den verschiedenen Nutzernen des De-Hen-E-Systems sicher verschiedene Ansätze geben, entsprechend der verschiedenen Ideen dazu, wann es sinnvoll ist, das Geschlecht einer Person explizit zu erwähnen. Das De-Hen-E-System schreibt hier nichts vor, sondern erschafft nur sprachliche Möglichkeiten und erzeugt damit mehr sprachliche Flexibilität.

Im Folgenden wird das De-Hen-E-System an einem kurzen Textfragment veranschaulicht:

Kim ist ein engagierte Klima-Aktiviste, de gemeinsam mit anderen Aktivisternen für die Einhaltung der UN-Klimaziele kämpft. Als Vorsitzendern der Ortsgruppe von Fridays for Future hat hen tagtäglich viel um die Ohren, um die Klimaschutz-Aktivitäten vor Ort zu koordinieren. Gemeinsam mit derm Ko-Vorsitzenden Leo arbeitet hen gerade an einem Plan dafür, wie möglichst viele Schülerne für die Teilnahme an den für nächste Woche geplanten Protesten gewonnen werden können. Kim hat auch einen guten Draht zu den Lehrernen sihrer Schule. Morgen trifft hen de Geographielehrere sihrers jüngeren Geschwister, um sich über die Möglichkeiten von Klima-bezogener Projektarbeit auszutauschen. So hilft jedern an diesem Thema Interessierte jederm anderen. Für die Erstellung des Web-Auftritts der Ortsgruppe hat Kim ein Kollegern sihrers ehemaligen Nachbare um Hilfe gebeten, weil diesern sich gut mit Webdesign und Öffentlichkeitsarbeit auskennt. Des Weiteren kandidiert Kim für die Wahl zurm Kassierere des Bundesverbands von Friday for Future. Andererseits ist es ihrm aber auch wichtig, dass diese aktivistischen Tätigkeiten hen zeitlich nicht zu sehr belasten, denn in den nächsten Monaten muss hen sich auf sihre Abi-Prüfungen vorbereiten. Welchern andere Schülere engagiert sich so intensiv für ein so wichtiges Thema? Sicher kaum einern!

Um den Gebrauch des De-Hen-E-Systems an noch längeren Texten zu veranschaulichen, gibt es eine Seite über bekannte nicht-binäre Personen.