Ergebnisse der Umfrage zu geschlechtsneutralem Deutsch von Anfang 2021

Vom 22.1. bis zum 14.2.2021 hat eine Umfrage zu geschlechtsneutralem Deutsch mit 500 Teilnehmer*innen stattgefunden. Auf dieser Seite werden die Ergebnisse der Umfrage vorgestellt.

Zusammenfassung der Ergebnisse

In der Umfrage wurde die Präferenz für die Grundform der jeweiligen Wörter im Nominativ (Wer-Fall) abgefragt.

  • Von 11 Vorschlägen für die Endung geschlechtsneutraler Substantive waren ‑e, ‑*in, ‑is, ‑i und ‑ir die beliebtesten.
  • Von 11 Vorschlägen für den bestimmten Artikel waren dey, de, dier und det die beliebtesten.
  • Von 17 Vorschlägen für den unbestimmten Artikel waren ein, eine, einet, eins und einir die beliebtesten.
  • Von 12 Vorschlägen für die geschlechtsneutrale Form von welche/welcher waren welch, welche, welchet und welchir am beliebtesten.
  • Von 20 Vorschlägen für das geschlechtsneutrale Personalpronomen waren dey, hen, em, sier und en am beliebtesten.

In den folgenden Abschnitten gehen wir auf den Hintergrund der Umfrage und noch detaillierter auf die Ergebnisse ein. Die Datei mit den Rohdaten und statistischen Auswertungen lässt sich hier herunterladen.

Wer hat die Umfrage mit welcher Absicht erstellt?

Die Umfrage wurde von Marcos Cramer und Averyn Hiell erstellt. Ihr Inhalt wurde mit weiteren Mitgliedern der Facebook-Gruppe Geschlechtsneutrales Deutsch abgesprochen. Die Absicht hinter der Umfrage wurde in ihrer Einleitung wie folgt erläutert:

Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung dafür, wie man die deutsche Sprache um geschlechtsneutrale Formen erweitern könnte, um es einfacher zu machen, über Personen zu sprechen, ohne ihnen ein Geschlecht zuzuordnen. Die neuen Formen werden danach natürlich kein allgemeines Muss, aber wir haben die Hoffnung, dass möglichst viele Menschen sie als sinnvoll und einfach ansehen und sie daher gerne freiwillig annehmen, wodurch sie auf natürliche Weise in unsere Sprache integriert würden. Diese Umfrage dient dazu, uns ein besseres Bild davon zu machen, welche der schon vorgeschlagenen Formen am ehesten als sinnvoll und einfach angesehen werden.

Wer hat teilgenommen?

Die Ersteller*innen der Umfrage haben diese zuerst in der Facebook-Gruppe Geschlechtsneutrales Deutsch beworben. Sie wurde daraufhin in verschiedenen Online-Foren geteilt, die sich an nicht-binäre Personen richten oder sich anderweitig mit Gender-Themen auseinandersetzen. Als die Umfrage auf dem Tumblr-Blog @official-deutschland geteilt wurde, ist die Anzahl der Teilnehmer*innen sprunghaft angewachsen.

Die Umfrage hat sich explizit an Personen gerichtet, die „interessiert daran oder zumindest offen dafür sind, sich geschlechtsneutral auszudrücken“.

Insgesamt haben 510 Personen an der Umfrage teilgenommen. Davon haben zehn allerdings allen bewerteten Vorschlägen die Note 6 gegeben, einige davon in Kombination mit Beleidigungen in der Freitext-Eingabe. Da diese zehn Personen offensichtlich nicht zu der Zielgruppe der Umfrage gehören, haben wir sie für die weitere Auswertung ausgeschlossen. Daher basieren alle in diesem Artikel aufgeführten Ergebnisse auf den Antworten der restlichen 500 Teilnehmer*innen (die runde Zahl ist reiner Zufall).

Wie die folgende Graphik zeigt, waren die meisten Teilnehmer*innen zwischen 20 und 29 Jahre alt. Auch die Altersgruppen unter 20 und 30–39 waren relativ zahlreich vertreten, die älteren hingegen nur sehr schwach. Da der angestrebte Sprachwandel ohnehin längere Zeit in Anspruch nehmen würde, finden wir diese Altersverteilung nicht problematisch.

Graphik 1: Teilnehmer*innen nach Altersgruppe

Aus Graphik 2 wird ersichtlich, dass sich 30,4 % der Teilnehmer*innen als eindeutig weiblich und 12 % als eindeutig männlich bezeichnet haben, wohingegen insgesamt 56,6 % eine andere Geschlechtsangabe gemacht haben, unter anderem 37,6 % die Angabe nicht-binär. Dies entspricht natürlich nicht den Proportionen in der Gesamtbevölkerung, aber die Umfrage richtet sich ja insbesondere an Menschen, die vom Thema geschlechtsneutrale Sprache direkt betroffen sind.

Graphik 2: Teilnehmer*innen nach Geschlechtsidentität

Es gab noch eine weitere Frage, in der es darum ging, wir sehr die Teilnehmer*innen direkt von dem Thema betroffen sind. Dabei sollten die Teilnehmer*innen angeben, welche der beiden folgenden Aussagen eher auf sie zutrifft:

  1. Ich mag es, wenn andere Leute geschlechtsneutrale Begriffe verwenden, wenn sie über mich sprechen, auch wenn dafür mit sprachlichen Gewohnheiten gebrochen werden muss.
  2. Ich mag es, wenn andere Leute beim Sprechen über mich Begriffe verwenden, die traditionell das weibliche oder männliche Geschlecht bezeichnen.

Dabei war es auch möglich, beide oder keine der Aussagen auszuwählen. 41 % haben nur die erste Aussage ausgewählt, 23,6 % nur die zweite, 26,4 % beide Aussagen und 8 % keine der beiden.

Bei der Auswertung der Präferenzen zu den einzelnen Vorschlägen fanden wir es wichtig, besonderes Augenmerk darauf zu legen, was diejenigen präferieren, die von dem Thema direkt betroffen sind. Dafür haben wir die folgende relativ weit gefasste Definition von betroffene Person verwendet: Wenn jemand bei der Frage nach der Geschlechtsidentität eine andere Angabe als eindeutig weiblich oder eindeutig männlich gemacht hat und/oder die erste der beiden oben zitierten Aussagen ausgewählt hat (egal ob alleine oder zusammen mit der anderen Aussage), dann gilt diese Person für die Zwecke unserer Auswertung als betroffene Person.

Allgemeine Einstellung zu geschlechtsneutralem Deutsch

Zur Bewertung der Vorschläge wurde eine Skala von 1 bis 6 verwendet, wobei erklärt wurde, dass 1 für sehr gut, 4 für gerade so akzeptabel und 6 für sehr schlecht steht.

Bei den ersten drei Fragen ging es noch nicht um konkrete Vorschläge, sondern um allgemeine Tendenzen beim Umgang mit geschlechtsneutralem Deutsch. Dabei konnten die Teilnehmer*innen zu drei Ansätzen ihre allgemeine Einstellung angeben:

  1. die Idee, neue geschlechtsneutrale Artikel (z. B. de, dier, dey, del, dai) in die deutsche Sprache einzuführen
  2. die Idee, verstärkt mit Sonderzeichen wie Gendersternchen, Unterstrich oder Doppelpunkt zu arbeiten und diese als kurze Sprechpause auszusprechen
  3. die Idee, das Neutrum für geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen zu verwenden

Die Durchschnittsnoten, die die Teilnehmer*innen diesen drei Ideen gegeben haben, betragen 1,94, 3,24 bzw. 3,86. Somit wird die Einführung neuer geschlechtsneutraler Artikel gegenüber den anderen beiden Ideen eindeutig bevorzugt. Unter den betroffenen Teilnehmer*innen fällt dieser Unterschied noch größer aus: Hier betragen die Notendurchschnitte 1,71, 3,22 bzw. 3,78. Was man hier auch erkennen kann, ist, dass die betroffenen Teilnehmer*innen allgemein bessere Noten vergeben als die anderen. Wie noch zu sehen sein wird, ist dieses Phänomen bei fast allen Vorschlägen zu beobachten.

Substantiv-Endungen

Die Teilnehmer*innen konnten insgesamt elf Vorschläge für Substantiv-Endungen bewerten, davon drei mit Sonderzeichen und acht ohne. Graphik 3 zeigt die Durchschnittsnoten auf Grundlage der Antworten aller Teilnehmer*innen sowie nur der Betroffenen:

Graphik 3: Benotung der Substantiv-Endungen

Wie hier erkennbar, ist die Substantiv-Endung ‑e (z. B. Studente) in beiden Gruppierungen die beliebteste Lösung, gefolgt vom Gendersternchen (z. B. Student*in). Zusätzlich lässt sich erkennen, dass die Vorschläge ohne Sonderzeichen ausnahmslos bei den Betroffenen besser ankommen als bei den anderen, wohingegen es bei den Vorschlägen mit Sonderzeichen genau andersherum ist. Dadurch ist auch der Abstand zwischen ‑e und ‑*in bei allen Teilnehmer*innen sehr gering (3,00 vs. 3,02), bei nur den betroffenen hingegen größer (2,89 vs. 3,05).

Bezüglich der Substantiv-Endung ‑e haben wir in der Umfrage den folgenden Hinweis gegeben:

Es gibt unter anderem den Vorschlag, geschlechtsneutrale Substantive wenn möglich mit der Endung „‑e“ zu bilden, z. B. „Kim ist Klima-Aktiviste und Physik-Studente.“ Ein Problem bei diesem Vorschlag ist, dass bei manchen Substantiven schon die maskuline Form auf „‑e“ endet, z. B. „Kollege“, sodass für diese Fälle eine Ausweichlösung verwendet werden müsste. Das gilt auch bei Substantiven wie „Freund“, bei denen die Form auf „‑e“ mit der Mehrzahl der maskulinen Form identisch wäre. Bei dieser Umfrage wird der Einfachheit halber die Ausweichlösung erst einmal ausgeklammert. Bei den anderen vorgestellten Vorschlägen ist keine Ausweichlösung notwendig.

Trotz dieser Einschränkung hat die Endung ‑e am besten abgeschnitten. Die Ausweichlösung wird in einer zukünftigen Umfrage thematisiert.

Wie sich auch aus Graphik 3 erkennen lässt, belegen die Vorschläge ‑is, ‑i, ‑ir und ‑em auf der Beliebtheitsskala die Positionen 3 bis 6. Dabei sind die Unterschiede hier so gering, dass sie in der Graphik kaum erkennbar sind. Daher hier die Zahlen einmal explizit:

Betroffenealle Teilnehmer*innen
is3,153,29
i3,173,28
‑ir3,193,30
‑em3,223,37

Der Unterschied in der Benotung dieser vier Vorschläge ist aber so gering, dass er statistisch nicht signifikant ist. Das heißt, dass es möglicherweise Zufall ist, dass zum Beispiel -is besser abgeschnitten hat als -i, und dass sich diese Reihenfolge bei weiteren 500 Stimmen leicht umkehren könnte. Dies wirft die Frage auf, welche bisher besprochenen Unterschiede überhaupt statistisch signifikant sind. Diese Frage kommt auch in den folgenden Abschnitten immer wieder auf. Wir haben für alle relevanten Fälle einen Zweistichproben-t-Test mit ungleicher Varianz durchgeführt, um zu ermitteln, ob der Unterschied zwischen der Benotung zweier Vorschläge statistisch signifikant ist. Bei einem p-Wert von unter 0,05 nennen wir den Unterschied signifikant, bei einem p-Wert von unter 0,001 sehr signifikant. Die Berechnung der statistischen Signifikanz basiert immer auf den Daten der betroffenen Teilnehmer*innen.

Der Unterschied zwischen ‑e und ‑*in ist nicht signifikant (p = 0,14). Der Unterschied zwischen ‑e einerseits und ‑is, ‑i, ‑ir oder ‑em andererseits hingegen ist signifikant (0,001 < p < 0,01). Der Unterschied zwischen ‑e und allen anderen Vorschlägen ist sehr signifikant (p < 0,00004). Der Unterschied zwischen ‑*in einerseits und ‑is, ‑i, ‑ir oder ‑em andererseits ist nicht signifikant (0,09 < p < 0,33). Der Unterschied zwischen ‑*in einerseits und ‑on oder ‑:in andererseits hingegen ist signifikant (p = 0,013 bzw. p = 0,005). Der Unterschied zwischen ‑*in einerseits und ‑_in, ‑ey oder ‑ej ist sehr signifikant (p < 0,00004).

Außerdem haben wir auf gebündelte Weise die Beliebtheit der Lösungen mit Sonderzeichen gegenüber der Beliebtheit der Lösungen ohne Sonderzeichen verglichen: Nur 22,6 % der Teilnehmer*innen und nur 17,8 % der Betroffenen haben eine Lösung mit Sonderzeichen besser als alle Lösungen ohne Sonderzeichen bewertetet, wohingegen 51,6 % aller Teilnehmer*innen und 56,4 % der Betroffenen eine Lösung ohne Sonderzeichen besser als alle Lösungen mit Sonderzeichen finden. 25,8 % aller Teilnehmer*innen und 25,8 % der Betroffenen haben sowohl eine Lösung mit als auch eine ohne Sonderzeichen unter den von ihnen am besten bewerteten Lösungen. Insgesamt scheinen also Lösungen ohne Sonderzeichen beliebter als solche mit zu sein, wobei der Unterschied unter den Betroffenen größer ist als unter den anderen Teilnehmer*innen.

Aufgrund dieser Ergebnisse ist davon auszugehen, dass ‑e die besten Chancen hat, sich durchzusetzen. Auch ‑*in und in etwas geringerem Maße ‑is, ‑i, ‑ir und ‑em sind aussichtsreich. Die anderen fünf Vorschläge hingegen können sich wahrscheinlich nicht gegen die beliebteren durchsetzen.

Bestimmter Artikel

Die Teilnehmer*innen konnten ihre Präferenz zu elf verschiedenen Vorschlägen für geschlechtsneutrale Formen des bestimmten Artikels angeben. Dabei ging es nur um die Grundform im Nominativ. Die Präferenzen zur Deklination des bestimmten Artikels in den anderen grammatischen Fällen sollen in einer weiteren Umfrage ermittelt werden.

In Graphik 4 sind die Durchschnittsnoten für die elf Vorschläge abgebildet:

Graphik 4: Benotung der Vorschläge für den bestimmten Artikel

In der Gruppe der Betroffenen belegt dey mit 2,86 den ersten Platz vor de mit 2,88, wohingegen unter allen Teilnehmer*innen de mit 3,04 vor dey mit 3,07 liegt. Relativ bald danach kommt dier an dritter Stelle (3,04 unter Betroffenen, 3,22 unter allen). Die Unterschiede zwischen diesen drei Vorschlägen sind nicht signifikant (p > 0,076).

Auf den Plätzen 4 bis 7 folgen sehr dicht beieinander, d. h. ohne signifikanten Unterschied: det (3,31 unter Betroffenen, 3,48 unter allen), dej (3,31 bzw. 3,49), din (3,35 bzw. 3,50) und dai (3,36 bzw. 3,51).

Die Vorschläge dey und de sind in sehr signifikantem Ausmaß beliebter als die Vorschläge det, dej, din, dai, dee, del, dio und dir (p < 0,00005). Der Vorschlag dier ist nur in signifikantem Ausmaß beliebter als det, dej, din und dai (0,001 < p < 0,007), und in sehr signifikantem Ausmaß beliebter als dee, del, dio und dir (p < 0,00005).

Unbestimmter Artikel

Für den unbestimmten Artikel gab es insgesamt 17 Vorschläge. Mit dabei sind nicht nur Neuformen, sondern auch die Formen ein und eine, da manche Leute, die beim bestimmten Artikel eine Notwendigkeit für eine geschlechtsneutrale Neuform sehen, beim unbestimmten Artikel offen dafür sind, eine dieser existierenden Formen für das neue geschlechtsneutrale Genus zu verwenden.

Hier die Beliebtheit dieser 17 Vorschläge in graphischer Form:

Graphik 5: Benotung der Vorschläge für den unbestimmten Artikel

Es gab in der Umfrage zu jeder einen Beispielsatz. Beim unbestimmten Artikel hat der Beispielsatz das Substantiv Geschwister verwendet. Auch wenn viele Leute das Wort Geschwister nur in der Mehrzahl kennen, gibt es den Ausdruck das Geschwister auch in der Einzahl, vor allem in der Fachsprache. Die Tatsache, dass dieses Substantiv schon im Neutrum existiert, könnte zu der guten Bewertung von ein beigetragen haben. Andererseits ist der Vorsprung von ein so groß, dass es unwahrscheinlich scheint, dass dieser sich mit einem anderem Beispielsatz ganz auflösen würde. Auch die Auswertung der Freitext-Antworten zu dem Vorschlag ein hat gezeigt, dass viele Teilnehmer*innen den Vorschlag unabhängig von dem Beispielsatz für gut befanden. Wie beliebt ein bei einem anderen Beispielsatz wäre, lässt sich erst nach der nächsten Umfrage sagen.

Der Abstand zwischen dem beliebtesten Vorschlag ein und alle anderen Vorschlägen ist sehr signifikant (p < 0,00001). Der Vorschlag eine ist in sehr signifikantem Ausmaß beliebter als alle anderen Vorschläge außer ein (p < 0,001). Der Vorschlag einet kommt an dritter Stelle, aber der Abstand zu eins, einir und eint ist statistisch nicht signifikant (p > 0,1). Der Abstand von einet zu einey, einier und einin hingegen ist signifikant (p < 0,03), und der Abstand von einet zu den restlichen elf Vorschlägen ist sehr signifikant (p < 0,0004).

Artikel-Vorschläge zusammen betrachtet

Es ist naheliegend, die verschiedenen Formen eines Systems aufeinander abzustimmen. So passt zum Beispiel dier besser zu einir als zu einet. Auch die Präferenzen der einzelnen Teilnehmer*innen waren bei zueinander passenden Vorschlägen meistens ähnlich. Im Folgenden schauen wir uns an, wie die Präferenz zum bestimmten die zum unbestimmten Artikel beeinflusst hat und andersherum, um daraus Schlüsse darüber zu ziehen, welche Kombinationen besonders aussichtsreich sein könnten.

Unter denen, die dem Vorschlag de eine 1 oder 2 gegeben haben, waren die beliebtesten Formen für den unbestimmten Artikel ein (1,85), eine (2,85) und einet (2,98). Bei denen, die dey mit 1 oder 2 benotet haben, waren ein (1,99), eine (2,78) und einey (2,78) am beliebtesten. Diejenigen, die dier mit 1 oder 2 benotet haben, fanden ein (1,94), eine (2,87) und einir (2,98) am besten. Und unter jenen, die det eine 1 oder 2 gegeben haben, waren ein (1,73), einet (2,11) und eint (2,64) am beliebtesten.

Als nächstes betrachten wir den Einfluss in die andere Richtung: Diejenigen, die ein eine 1 oder 2 gegeben haben, fanden dey (2,77), de (2,79) und dier (2,95) am besten. Auch die, die eine mit 1 oder 2 benotet haben, fanden dey (2,62), de (2,74) und dier (2,82) am besten. Bei denjenigen, die einet eine 1 oder 2 gegeben haben, waren det (1,99), de (2,38) und dey (2,54) am beliebtesten.

Wenn man diese Zahlen zusammen mit denjenigen aus den beiden vorherigen Abschnitten betrachtet, lassen sich die folgenden Artikelkombinationen als besonders aussichtsreich identifizieren:

  • Jede der sechs Kombinationen, die sich aus einem der drei beliebtesten bestimmten Artikel (de, dey oder dier) und einem der beiden beliebtesten unbestimmten Artikeln (ein oder eine) zusammensetzt, kann als aussichtsreich angesehen werden.
  • Zusätzlich scheinen auch die Kombination de/einet, dey/einey, dier/einir, det/ein und det/einet aussichtsreich zu sein.

Geschlechtsneutrale Formen von welche(r)

Für die geschlechtsneutrale Form des Artikelwortes welche/welcher gab es zwölf Vorschläge, deren Beliebtheit bei der Umfrage in Graphik 6 dargestellt wird:

Graphik 6: Benotung der Vorschläge für geschlechtsneutrale Alternativen zu welche(r)

Wie ersichtlich ist, sind welch, welche und welchet die beliebtesten Formen.

Bei der geschlechtsneutralen Form von welche(r) sollte beachtet werden, dass dieses Wort bisher in allen Genera und Kasus dieselbe Endung wie die stark deklinierten Adjektive hat. Bei der Entwicklung von vollständigen Systemen für geschlechtsneutrales Deutsch müssen auch die stark deklinierten Adjektive beachtet werden, und dabei sollte eine bewusste Entscheidung dazu getroffen werden, ob die Analogie zwischen welche(r) und den stark deklinierten Adjektiven aufrecht erhalten wird. Dasselbe gilt analog für weitere Wörter, die nach demselben oder einem ähnlichen Paradigma wie welche(r) dekliniert werden, z. B. jede(r), jene(r), diese(r) und solche(r).

Personalpronomen

Für das geschlechtsneutrale Pronomen gab es zwanzig Vorschläge, deren Beliebtheit bei der Umfrage in Graphik 7 dargestellt wird:

Graphik 7: Benotung der Vorschläge für das Personalpronomen

Die beliebtesten Vorschläge waren dey (2,88 unter Betroffenen, 3,10 unter allen), hen (2,94 bzw. 3,13), em (3,09 bzw. 3,27), sier (3,17 bzw. 3,26) und en (3,17, bzw. 3,33).

Der Unterschied zwischen der Beliebtheit von dey und hen unter betroffenen Teilnehmer*innen ist statistisch in keinster Weise signifikant (p = 0,60). Der Unterschied zwischen dey und em verfehlt die statistische Signifikanz nur knapp (p = 0,0512). Der Unterschied zwischen dey einerseits und sier, en und xier andererseits ist signifikant (p = 0,0086 bzw. 0,0055 bzw. 0,0020). Der Unterschied zwischen dey und den 14 restlichen Vorschlägen ist sehr signifikant (p < 0,0005).

Aufgrund dieser Ergebnisse lässt sich sagen, dass dey und hen die aussichtsreichsten Formen für ein geschlechtsneutrales Pronomen sind, wobei em, sier und vielleicht noch en ebenfalls als aussichtsreich angesehen werden können.

Frage zur Weiterarbeit

Am Ende der Umfrage wurde erklärt, dass die in der Umfrage ermittelten Präferenzen als Grundlage für ein vollständig ausgearbeitetes System geschlechtsneutraler Formen dienen sollen, dass für diesen Zweck aber noch mehrere grammatische Details geklärt werden müssen, z. B. die Mehrzahl der Substantive und die deklinierten Formen der Artikel und Pronomen. Es wurde dann ein Vorschlag dazu vorgestellt, wie die weitere Arbeit für die Entwicklung eines solchen Systems organisiert werden könnte:

In der Facebook-Gruppe „Geschlechtsneutrales Deutsch“ tauschen sich diejenigen, die sich gut mit Grammatik auskennen und an geschlechtsneutraler Sprache interessiert sind, darüber aus, wie auf Grundlage der Ergebnisse dieser Umfrage ein möglichst sinnvoller Vorschlag für geschlechtsneutralen Sprachgebrauch aussehen kann. Falls es bei manchen Details zu keiner Einigung kommt, werden jeweils die zwei oder drei in der Facebook-Gruppe „Geschlechtsneutrales Deutsch“ beliebtesten Lösungen ermittelt und dann in einer weiteren Umfrage zur Wahl gestellt.

Die Teilnehmer*innen wurden gebeten anzugeben, ob sie diesem Vorschlag zustimmen. 70,6 % haben ja geantwortet, 16,4 % ja, mit leichten Modifikationen und 8,2 % nein, wobei 4,8 % die Frage nicht beantwortet haben. Außerdem gab es die Möglichkeit, Alternativen oder Modifikationen zu diesem Vorschlag vorzuschlagen. Die mit Abstand häufigste Kritik war, dass diese Arbeit nicht nur auf Facebook stattfinden sollte. Deshalb haben wir jetzt zusätzlich zu der Facebook-Gruppe auch einen Discord-Server und eine Mailingliste erstellt, in denen der Austausch zu diesem Thema stattfinden kann.

Fazit und Ausblick

Die in diesem Artikel beschriebene Umfrage wurde durchgeführt, um einen Vorschlag für geschlechtsneutrale Sprache auszuarbeiten, bei dem die Präferenzen von vielen von diesem Thema direkt Betroffenen sowie weiteren an dem Thema interessierten Personen einbezogen werden. Uns ist es wichtig, zu betonen, dass es sich hierbei um einen Vorschlag handeln wird; wir versuchen nicht, irgendjemandem ein System aufzudrängen. Auf lange Sicht entscheidet der Sprachgebrauch der Mehrheit, welche Formen sich etablieren und welche nicht – der durch diese und weitere geplante Umfragen entwickelte Vorschlag soll lediglich als Denkanstoß dafür dienen.

Wegen der Umfrage haben wir jetzt ein klareres Bild davon, wie beliebt verschiedene Grundformen von Artikeln und Pronomen im Wer-Fall und verschiedene Substantiv-Endungen in der Einzahl sind. So scheint es jetzt wahrscheinlich, dass sich für den geschlechtsneutralen Sprachgebrauch der bestimmten Artikel de oder dey, der unbestimmte Artikel ein, die Substantiv-Endung -e oder -*in und das Personalpronomen dey oder hen durchsetzen können, wobei einige weitere Formen ebenfalls mehr oder weniger aussichtsreich sind.

In der weiteren Arbeit werden zuerst die Deklination der Artikel sowie vollständige Systeme für die Substantive (einschließlich Mehrzahl und ggf. Ausweichlösung zu ‑e) ausgearbeitet. Weiterhin sollen noch andere Themen wie das Possessivpronomen und die Deklination des Personalpronomens betrachtet werden.

Wir hoffen, dass wir ein von möglichst vielen interessierten und direkt betroffenen Personen getragenes System ausarbeiten können, das als Grundlage für die weitere Arbeit an diesem Thema dienen kann. Je weiter die Entwicklung dieses Systems voranschreitet, desto mehr kann man auch mediale Aufmerksamkeit dafür generieren, was wiederum zu einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion über das Thema führen könnte. Unsere Hoffnung ist, dass geschlechtsneutrale Sprache dadurch in einigen Jahren im Deutschen ähnlich einfach zu verwenden ist wie derzeit schon im Englischen oder Schwedischen.