Geschichte des Inklusivums

Seit 2007 hat es zahlreiche Vorschläge dazu gegeben, wie die deutsche Grammatik durch ein neues geschlechtsneutrales Genus ergänzt werden könnte. Während einige dieser Vorschläge von Einzelpersonen oder kleinen Personengruppen entwickelt wurden, gibt es seit 2019 Bemühungen dazu, durch einen Austausch zwischen möglichst vielen an diesem Thema interessierten Menschen zu einer Konsenslösung zu kommen, die von einem Großteil der Sprachgemeinschaft akzeptiert werden kann. Seit Januar 2021 wird in mehreren Online-Foren sehr intensiv an dieser Konsenslösung gearbeitet, was im Juni 2021 zu der Gründung des Vereins für geschlechtsneutrales Deutsch e. V. geführt hat, der die Arbeit an der Konsenslösung koordiniert und unterstützt.

Auf dieser Seite findet Ihr Details zu den Vorschlägen, die es seit 2007 gegeben hat, sowie dazu, wie es seit 2019 dazu gekommen ist, dass an einer Konsenslösung gearbeitet wurde.

Wenn wir eine vorgeschlagene Deklination für den bestimmten Artikel vorstellen, verwenden wir die übliche Reihenfolge der vier Kasus: Nominativ/Genitiv/Dativ/Akkusativ. Bei den Personalpronomen verwenden wir eine Notations-Konvention, bei der nach dem ersten Schrägstrich nicht die Genitivform folgt, sondern nur deren Stamm, der auch für die Possessiv-Artikel verwendet wird. Diese Form nennen wir „Possessivform“. Dem zweiten Schrägstrich folgt die Dativ-, dem dritten die Akkusativform: hen/hens/hem/hen statt hen/henser/hem/hen (analog: er/sein/ihm/ihn statt er/seiner/ihm/ihn). Wir haben uns unter anderem deshalb für diese Darstellungsweise entschieden, weil grammatisch Unerfahrene denken könnten, dass die Endung ‑er in henser wie bei unser zum Possessivstamm gehört, es also hensere Tasche heißen muss statt hense Tasche. Ein weiterer Grund für diese Darstellungsweise ist, dass die Genitivform des Personalpronomens im modernen Deutsch kaum noch verwendet wird (nur in Sätzen wie „Wir gedenken ihrer.“), die Possessiv-Artikel hingegen sehr gebräuchlich sind.

2007/08: Sylvain-Konventionen (nin, din)

Der älteste uns bekannte Vorschlag für die Entwicklung eines neuen geschlechtsneutralen Genus für die deutsche Sprache sind die SYLVAIN-Konventionen aus den Jahren 2007 und 2008: Auf der Trans*Tagung 2007 in Berlin gab es einen Workshop zu Geschlechtergerechter Sprache, bei dem als Gedankenexperiment das geschlechtsneutrale Personalpronomen nin entwickelt wurde. Daraufhin hat Cabala de Sylvain ein neues Genus namens Indefinitivum ausgearbeitet, welches in der Ausgabe 2008_01 der Online-Zeitschrift Liminalis veröffentlicht wurde. Beispielsweise werden dabei Formen wie din Lehrernin verwendet. Die Deklination des bestimmten Artikels lautet din/dins/dim/din, die des Pronomens nin/nims/nim/nin. Der Possessivartikel nims wird wie die herkömmlichen Possessivartikel ihr, sein und mein dekliniert.

2008–heute: Illi Anna Heger (xier, dier; sier, dier)

Die Webseite des Projektes Pronomen ohne Geschlecht wurde von Illi Anna Heger 2009 ins Leben gerufen. Die Pronomen werden dort versioniert veröffentlicht, Version 3.3 (xier/xies/dier) und Version 2.1 (sier/sies/dier) sind die beiden aktuellen Versionen. Das x am Anfang von xier drückt Vielfalt aus und vermeidet im Gegensatz zum s in sier Verwechslung mit sie in gesprochener Sprache.

Die Endungen der Personalpronomen und des Artikels orientieren sich an der Deklination des Fragewortes wer/wem/wen: xier/xiem/xien, sier/siem/sien, dier/dies/diem/dien. Die Possessivform lautet xies beziehungsweise sies und erhält die gleichen Endungen wie die herkömmlichen Possessiv-Artikel ihr, sein oder mein: „Xier packt xiesen Koffer.“ Für das neue geschlechtsneutrale Genus hat Heger 2013 die Bezeichnung Generalium (von lateinisch generalis) beziehungsweise Aliudum (von lateinisch aliud) vorgeschlagen.

2021 war xier vor sier das am häufigsten in Untertiteln und Synchronisierungen von Filmen und Serien verwendete deutsche Neopronomen. Xier und sier werden auch in Romanen, Kurzgeschichten, Artikeln und Videospielen verwendet: Übersicht mit Zitaten.

Felix Hill (2008) und Liliane Gross (2012) waren maßgeblich an der Entwicklung der Neopronomen beteiligt. Jannis Osterburg steuerte 2021 wichtige Überlegung zur Aussprache beim Zusammenziehen von xier mit anderen Wörtern bei. Die Dokumentation des Entwicklungsprozesses findet sich auch in den Kommentaren auf der Webseite. Die erste gedruckte Veröffentlichung der Neopronomen, das Zine Xier packt xiesen Koffer (2013), wurde 2020 ausführlich im Artikel Illi Anna Heger’s Grammatical Futurity von Nichole Neuman in der Zeitschrift Seminar: A Journal of Germanic Studies Vol. 56 besprochen.

Zu den Substantiven hat Heger keinen eigenen Vorschlag gemacht und unterstützt unter anderem die Verwendung der Form Freund_in.

2014–19: De-Le-System (le, de) und Gründung der Facebook-Gruppe

2014 entwickelte Marcos Cramer die Grundform de für den bestimmten Artikel. Aber erst 2018 begann en, sich mit anderen zu dem Thema auszutauschen. Im Februar 2019 erschien ein von Marcos unter dem Pseudonym Kim Delesys verfasster Artikel auf queer.de, in dem en das De-Le-System vorstellte: In diesem System lautete das Substantiv im Singular de Lehrere, im Plural die Lehreren, die Deklination des bestimmten Artikels de/des/der/den und die des Pronomens le/lein/lir/lich. Der Possessivartikel lein wird wie die herkömmlichen Possessivartikel ihr, sein und mein dekliniert.

Marcos bewarb ensen Vorschlag unter anderem in einer Facebook-Gruppe für deutschsprachige nicht-binäre Personen. In einer sich daraus ergebenden Diskussion über geschlechtsneutrale Sprache kam im Mai 2019 die Idee auf, eine eigene Facebook-Gruppe zum Thema Geschlechtsneutrales Deutsch zu gründen. Die Gruppe hatte von Anfang an zum Ziel, die Arbeit an einer Konsenslösung für geschlechtsneutrale Formen zu fördern, wie aus folgendem Satz der Gruppenbeschreibung ersichtlich wird: „Wir haben uns zu dieser Gruppe zusammengetan, um durch gemeinsames Abwägen von verschiedenen möglichen Systemen geschlechtsneutraler Begriffe auf einen Konsens zu kommen, der von möglichst vielen an dem Thema interessierten Personen getragen wird.“

Auf Grundlage des Austauschs in dieser Gruppe wandelte Marcos im Juli 2019 die Substantivform im De-Le-System zu de Lehrir (Plural: die Lehriren) ab, unter anderem um dadurch zu vermeiden, dass bei Wörtern wie Studenten der inklusivische Plural mit dem maskulinen zusammenfällt.

2019: Del-On-Sel-System (sel, del)

Nachdem bei der Diskussion in dieser Facebook-Gruppe sowie in anderen Gruppen mehrmals die Kritik aufkam, dass mehrere Formen (z. B. des, der, den und eine) mit existierenden Formen im Maskulinum oder Femininum identisch sind, entwickelte Marcos im November 2019 das Del-On-Sel-System, in dem dieses Problem gänzlich vermieden wurde: Das Substantiv lautete im Singular del Lehreron, im Plural die Lehreronen, die Deklination des bestimmten Artikels del/derl/derl/del und die des Personalpronomens sel/serl/serl/sel. Der Possessivartikel serl wird wie die herkömmlichen Possessivartikel ihr, sein und mein dekliniert.

2019–20: g-Genus (sier, dee; hen; dey; dio)

Im Dezember 2019 stellte Dominik Jahre in der Facebook-Gruppe Geschlechtsneutrales Deutsch das g-Genus vor. In der ersten Version lautete das Substantiv im Singular dee Lehreer, im Plural die Lehreer, die Deklination des bestimmten Artikels dee/deer/deer/dee und die des Pronomens sier/siers/siers/sier. Nach einigem Austausch zu diesen Formen in der Facebook-Gruppe wandelte Dominik diese zu dee Lehreris, die Lehreris (jeweils mit kurzem i in der Endung -is), dee/ders/ders/dee und hen/hens/hens/hen ab. Im Herbst 2020 ersetzte Dominik die Form dee durch dey und diese dann Ende 2020 durch die Form dio, wobei dey weiterhin als Alternative auf der Webpräsenz des g-Genus vorgestellt wird. Der Possessivartikel hens wird wie die herkömmlichen Possessivartikel ihr, sein und mein dekliniert.

2020–heute: NoNa-System (hen, dai)

Im Februar 2020 stellten Noah Frank und Jona Moro ihr NoNa-System vor. In diesem lautet der bestimmte Artikel dai/dais/dam/dai und das Pronomen hen/hens/hem/hen. Für die Substantive wird die schon gebräuchliche Form mit Genderstern (z. B. dai Lehrer*in) verwendet. Der Possessivartikel hens wird auf undeklinierte Weise verwendet: „Hen packt hens Koffer.“

2021: Hornscheidt und Sammla (ens, dens)

Im Januar 2021 ist das Buch Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht? Ein Praxis-Handbuch zu Gender und Sprache von Lann Hornscheidt und Ja’n Sammla erschienen, in dem der Vorschlag gemacht wird, geschlechtsneutrale Formen mit der Endung -ens zu bilden (dens Lehrens), wobei ens als eigenständiges Wort auch das Personalpronomen und der Possessivartikel ist, und als Possessivartikel auf undeklinierte Weise verwendet wird. Es wird keine Unterscheidung zwischen den Kasus gemacht und die Substantive erhalten keine Pluralendung. Der unbestimmte Artikel lautet einens.

2020–heute: Arbeit am Konsenssystem

Von August bis September 2020 gab es in der Facebook-Gruppe Geschlechtsneutrales Deutsch erstmals eine Umfrage zu Vorschlägen für die geschlechtsneutralen Artikel. Dabei standen neun Vorschläge dazu zur Auswahl, wie die verschiedenen Artikel-Arten geschlechtsneutral dekliniert werden könnten. Folgende zwei Deklinationsweisen schnitten am besten ab:

dee/ders/ders/dee, einey/einers/einers/einey, jedey/jeders/jeders/jedey
dier/dies/diem/dien, einir/einis/einim/einin, jedir/jedis/jedim/jedin.

Zu beachten ist, dass die Grundform de und die Dativform derm, die sich bei späteren Umfragen als beliebteste Grundform bzw. Dativform herausgestellt haben, bei dieser ersten Umfrage nicht zur Wahl standen.

Anfang Dezember 2020 trat Averyn Hiell der Facebook-Gruppe bei, und wenige Tage später begann die enge Zusammenarbeit zwischen Marcos und Averyn, die die weitere Arbeit an einer Konsenslösung stark geprägt hat. In den ersten Wochen ihrer Zusammenarbeit arbeiteten Averyn und Marcos die erste öffentliche Umfrage aus und sprachen sie in der Facebook-Gruppe ab. An dieser Umfrage nahmen vom 22.1. bis zum 14.2.2021 genau 500 Personen teil.

Am Ende der Umfrage wurde erklärt, dass die in der Umfrage ermittelten Präferenzen als Grundlage für ein vollständig ausgearbeitetes System geschlechtsneutraler Formen dienen sollen, für diesen Zweck aber noch mehrere grammatische Details geklärt werden müssen, z. B. die Pluralform der geschlechtsneutralen Substantive und die deklinierten Formen der Artikel und Pronomen. Es wurde dann ein Vorschlag dazu vorgestellt, wie die weitere Arbeit für die Entwicklung eines solchen Systems organisiert werden könnte:

In der Facebook-Gruppe „Geschlechtsneutrales Deutsch“ tauschen sich diejenigen, die sich gut mit Grammatik auskennen und an geschlechtsneutraler Sprache interessiert sind, darüber aus, wie auf Grundlage der Ergebnisse dieser Umfrage ein möglichst sinnvoller Vorschlag für geschlechtsneutralen Sprachgebrauch aussehen kann. Falls es bei manchen Details zu keiner Einigung kommt, werden jeweils die zwei oder drei in der Facebook-Gruppe „Geschlechtsneutrales Deutsch“ beliebtesten Lösungen ermittelt und dann in einer weiteren Umfrage zur Wahl gestellt.

Die Teilnehmerne wurden gebeten anzugeben, ob sie diesem Vorschlag zustimmen. 70,6 % haben ja geantwortet, 16,4 % ja, mit leichten Modifikationen und 8,2 % nein, wobei 4,8 % die Frage nicht beantwortet haben. Außerdem gab es die Möglichkeit, Alternativen oder Modifikationen zu diesem Vorgehen vorzuschlagen. Die mit Abstand häufigste Kritik war, dass diese Arbeit nicht nur auf Facebook stattfinden sollte. Deshalb erstellten Marcos und Averyn im Februar 2021 zusätzlich zu der Facebook-Gruppe einen Discord-Server und eine Mailingliste (und wenige Monate später auch noch einen Subreddit). Insbesondere der Discord-Server hat sich seitdem zu einem sehr viel genutzten Forum für den Austausch über das neue System entwickelt.

Seit der öffentlichen Umfrage leiten Averyn und Marcos in der Facebook-Gruppe und auf dem Discord-Server (sowie teilweise noch in den beiden weiteren oben genannten Online-Foren) eine Diskussion zu verschiedenen Details des zu entwickelnden Inklusivums. Im Rahmen dessen wurden mehrere gruppeninterne Umfragen zu verschiedenen Teilbereichen wie den Substantiv-Endungen, den Artikeln und den Pronomen durchgeführt. Hier gibt es eine Übersicht über die bisher durchgeführten Umfragen.

Averyn, Marcos und einige weitere Mitglieder der Online-Foren gründeten im Juni 2021 den Verein für geschlechtsneutrales Deutsch e. V., um die Arbeit an einem Konsenssystem für geschlechtsneutrales Deutsch zentraler zu koordinieren und sich für die Öffentlichkeitsarbeit besser aufzustellen zu können (siehe Pressemitteilung zur Gründung).

In der frühen Phase der intensiven Arbeit an einem Konsenssystem (von Mai 2021 bis Januar 2022) wurden auf dieser Webpräsens mehrere alternative Gesamtsysteme für die Formen des Inklusivums vorgestellt. Neben einer früheren Version des De-e-Systems waren dies das Dey-e-System und das Dier-e-System. Seit dem 3.1.2022 ist das De-e-System das einzige Gesamtsystem, das wir vorstellen, wobei wir explizit betonen, dass es weiterhin nur provisorisch ist, da sich in der Gruppendiskussion und den Umfragen noch kein Konsens herausgebildet hat. Es gibt eine nach Wortarten aufgeteilte Übersicht zu den Formen, die noch als Alternativen zu den Formen des provisorischen Gesamtsystems im Rennen sind.

Den Begriff Inklusivum für das in Entwicklung befindliche geschlechtsneutrale Genus wird im Rahmen dieses Projekts seit Januar 2021 verwendet, vorgeschlagen von Averyn Hiell. Davor wurde dafür in Anlehnung an ein bereits existierendes Genus der skandinavischen Sprachen der Begriff Utrum benutzt, der allerdings wegen seiner Wortherkunft nicht zum Ansatz des Projekts passt (lat. uter = „beide“).

Pläne

Für die nähere Zukunft ist geplant, dass noch einige weitere grammatische Details in den Online-Foren diskutiert und gruppeninterne Umfragen dazu durchgeführt werden. Danach soll es eine zweite öffentliche Umfrage geben. Der Plan ist, dass sich die Vereinsmitglieder auf Grundlage der Ergebnisse dieser Umfrage auf eine Konsenslösung einigen und sich der Verein ab dann verstärkt der Öffentlichkeitsarbeit widmet, um diese Konsenslösung bekannt zu machen und den Weg dafür zu ebnen, dass sie zu einem anerkannten Teil der deutschen Grammatik wird.