Kann sich so etwas überhaupt durchsetzen?

Manche Leute finden die Idee eines Inklusivums für geschlechtsneutrales Deutsch zwar prinzipiell gut, sind allerdings der Meinung, dass ein solcher Sprachwandel keine Chance hat, sich durchzusetzen. Häufig steht hinter dieser Meinung die Annahme, dass sich sprachliche Veränderung nicht durch bewusste Entscheidungen hervorrufen lässt, sondern immer durch allmähliche unbewusste Veränderungen entsteht.

Wenn es um die Erweiterung der Sprache um neue Fachbegriffe oder die Normierung fachsprachlicher Terminologie geht, lässt sich diese Annahme natürlich leicht widerlegen, da hierbei die bewusste Entscheidung zur Einführung eines neuen Begriffs und die bewusste Sprachplanung von normierenden Instanzen eine zentrale Rolle spielt. Auch außerhalb der Fachsprachen werden alltäglich durch bewusste Entscheidungen neue Wörter eingeführt, um z. B. neue Mode-Erscheinungen oder neuartige technische oder gesellschaftliche Phänomene zu bezeichnen. Heutzutage werden dafür meist Begriffe aus dem Englischen entlehnt.

Andererseits stimmt es natürlich, dass es außerhalb der Erweiterung und fachsprachlichen Normierung unseres Wortschatzes so gut wie nie zu Sprachveränderungen kommt, die auf bewusste Entscheidungen der Sprecherne zurückzuführen sind. Außerdem handelt es sich bei Wortschatz-Erweiterungen praktisch ausnahmslos um neue Substantive, Adjektive oder Verben, wohingegen andere Wortklassen wie z. B. die Pronomen und Artikel in der Linguistik als geschlossen gelten, was bedeutet, dass sie nicht einfach so erweitert werden können. Da die Einführung eines Inklusivums nicht nur die Verwendung neuer Substantive, sondern auch den Gebrauch eines neuen Pronomens, neuer Artikel sowie Adjektivdeklination erfordert, ist es durchaus berechtigt zu hinterfragen, ob ein solcher Sprachwandel überhaupt durch bewusste Entscheidungen herbeigeführt werden kann.

Hier sei angemerkt, dass dieselben Bedenken noch vor wenigen Jahren gegen die Einführung des geschlechtsneutralen Pronomens hen ins Schwedische vorgebracht wurden, es sich aber trotzdem durchgesetzt hat. Auch bezüglich der Einführung eines geschlechtsneutralen Genus mit der Endung -e im Spanischen wurden und werden solche Bedenken aufgeführt, und trotzdem wird diese sprachliche Neuerung in immer größeren Kreisen praktiziert – so ist dieser Sprachgebrauch z. B. mittlerweile sowohl schriftlich als auch mündlich unter jungen Feministernen in Argentinien weit verbreitet. Auch sei angemerkt, dass es diese Art bewusster Einführung von Pronomen und grammatischen Neuerungen auch schon vor der Diskussion über geschlechtsneutrale Sprache gab, z. B. bei der Einführung der ungarischen Pronomen ön und önök für die höfliche Anrede (entsprechend dem deutschen Sie), bei der Modifikation der Reihenfolge in norwegischen Zahlwörtern und bei einigen Elementen des Neugriechischen im Zuge des griechischen Sprachenstreits. Diese Beispiele werden hier näher erläutert.

Natürlich ist nicht abzustreiten, dass sich die Einführung des Inklusivums nicht so einfach gestalten wird wie z. B. die Einführung einiger neuer Fachbegriffe. Daher würden wir gerne ein Szenario skizzieren, wie diese Einführung ablaufen könnte. Im ersten Schritt, der jetzt schon im Gange ist, beginnen verschiedene an dem Thema interessierte Personen, bestimmte Systeme für das Inklusivum (z. B. das De-E-System) in ihrem Umfeld auszuprobieren, wodurch die Anzahl der Personen, die den Vorschlag kennen, allmählich anwächst. Der nächste entscheidende Schritt könnte sein, dass sich einige Vereine, Zeitschriften etc., die jetzt schon den Genderstern oder eine andere schriftsprachliche Lösung verwenden, dazu entscheiden, stattdessen das Inklusivum zu gebrauchen. Nachdem z. B. ein Verein begonnen hat, das Inklusivum schriftlich zu verwenden, werden es wahrscheinlich mehr und mehr der dem Verein nahestehenden Personen auch im mündlichen Sprachgebrauch praktizieren. Wenn erst einmal diese Grundlage geschaffen ist, wird es anderen Vereinen, progressiven Medien-Häusern etc. leichter fallen, das Inklusivum auch zu übernehmen, sodass es innerhalb einiger Jahre einen ähnlichen Bekanntheitsgrad haben könnte wie jetzt der Genderstern. Im Gegensatz zu diesem würde das Inklusivum von immer mehr progressiv eingestellten Menschen auch mündlich gebraucht werden können, sodass es noch einige Jahre später schon viele Menschen so in ihrem Sprachgefühl verinnerlicht hätten, dass es sich für sie wie ganz normales Deutsch anfühlt, ähnlich wie jetzt schon viele Menschen an deutschsprachigen Universitäten das Wort Studierende als ganz normale Alternative zu Studenten verwenden.

Aufgrund der hier erläuterten neuen kommunikativen Bedürfnissen sowie ähnlicher Entwicklungen in anderen Sprachen halten wir eine solche Entwicklung im Deutschen für relativ wahrscheinlich oder wenigstens möglich. Was eine solche Entwicklung wohl am stärksten behindert, ist die Überzeugung, dass sie keine Chance hätte. Wenn nur genug Menschen sich trauen, diese Überzeugung zu hinterfragen und ihren Sprachgebrauch zu verändern, steht der Etablierung des Inklusivums eigentlich nichts mehr im Weg.

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