Pronomen

Hinweis: Auf dieser Seite geht es um das Personalpronomen, dessen Deklination und Possessivform, also um geschlechtsneutrale Alternativen zu er/sein/ihm/ihn und sie/ihr/ihr/sie; andere Pronomen wie Relativ- oder Indefinitpronomen werden teils auf der Seite Artikel und Adjektive behandelt, teils auf der Seite Neologismen.

Im Zuge der von uns angeleiteten Konsensfindung für geschlechtsneutrale Begriffe und Formen haben wir uns auch dem Problem zugewandt, dass es im Deutschen kein etabliertes geschlechtsneutrales Personalpronomen gibt. Aufgrund der bisher von uns durchgeführten Umfragen sind jetzt noch die Formen hen und en mit den folgenden Deklinationen im Rennen:

Nominativformhenen
Possessivformhensens
Dativformhemem
Akkusativformhenen

Weitere Information zu diesen beiden Grundformen und den hier vorgeschlagenen Deklinationen finden sich weiter unten auf dieser Seite.

In der nichtbinären Community ist es Konsens, dass jede Person selbst entscheiden kann, welches Pronomen für sie verwendet werden soll. Es gibt bei vielen aber auch den Wunsch, dass sich – wie im Englischen das singular they – zukünftig ein geschlechtsneutrales Pronomen im Sprachgebrauch so weit etabliert, dass jede Person dieses Pronomen für sich auswählen kann, ohne ständig erklären zu müssen, wie es funktioniert. Ein solches allgemeines geschlechtsneutrales Pronomen wäre außerdem noch für einige weitere Verwendungskontexte nützlich:

  • um über eine unspezifische Person beliebigen Geschlechts zu sprechen (wie in „Wenn ein Schüler eine Frage stellt, zeigt das sein Interesse.“)
  • wenn es um eine spezifische Person geht, deren Geschlecht bzw. Pronomen einerm unbekannt ist (wie in „Es hat jemand seine Brieftasche verloren.“)
  • wenn über eine Person gesprochen wird, deren Geschlecht im Kontext irrelevant ist oder geheim gehalten werden will
  • bei Übersetzungen ins Deutsche, z. B. wenn ein Artikel über eine Person geschrieben wird, die in ihrer Eltersprache ein geschlechtsneutrales Pronomen verwendet, oder bei fiktionalen Charakteren, die im Original nichtbinär sind

Konsensfindungsprozess

Unter nichtbinären Personen im deutschsprachigen Raum gehören derzeit hen, dey, xier und sier zu den beliebtesten geschlechtsneutralen Pronomen. Bei der Konsensfindung haben wir diese Grundformen und viele andere in Betracht gezogen.

In der öffentlichen Umfrage von Anfang 2021 gaben 500 Teilnehmerne ihre Einschätzung zu 20 vorgeschlagenen Pronomen-Grundformen ab, wobei dey, hen, em, sier und en am beliebtesten waren und sich die anderen Vorschläge – einschließlich xier – vom weiteren Konsensfindungsprozess disqualifiziert haben. Bei xier lag dies wahrscheinlich vor allem an der aufwändigen Aussprache von x am Wortanfang, was für den häufigen Gebrauch eher unpraktisch ist.

Anfang 2022 besprachen wir innerhalb unserer Diskussionsforen, wie die Pronomen dey, hen, em, sier und en und einige andere vorher nicht betrachtete Vorschläge dekliniert werden könnten. Bei der gruppeninternen Umfrage zu Grundform-Possessivform-Paaren vom Februar 2022 blieben nur noch die Grundformen hen, en und dey im Rennen. Die Grundform sier war wahrscheinlich vor allem deswegen unbeliebter, weil sie im Sprechfluss klanglich nur schwer von sie unterscheidbar ist.

Bei einer weiteren gruppeninternen Umfrage zur Deklination der Pronomen vom März 2022 waren nur die Grundformen hen und en mit den hier vorgestellten Deklinationen beliebt genug, um für die Konsensfindung im Rennen zu bleiben. Die Grundform dey war wahrscheinlich vor allem deswegen unbeliebter, weil sie den im Deutschen ungewöhnlichen Vokalzwielaut ey enthält und die möglichen Deklinationsweisen von dey weniger intuitiv und anderweitig problematischer sind als im Fall von hen und en. Zum Beispiel hat die häufig in Kombination mit dey verwendete Possessivform deren den Nachteil, als Femininum oder Plural aufgefasst werden zu können.

Die Entscheidung zwischen hen und en soll bei einer geplanten zweiten öffentlichen Umfrage im Sommer 2022 getroffen werden.

Natürlich können auch alle Pronomen, die in diesem Konsensfindungsprozess ausgeschieden sind, weiterhin als eigenes Pronomen ausgewählt werden. Es geht bei der Konsensfindung lediglich um die Frage, welches als allgemeines geschlechtsneutrales Pronomen für die oben genannten allgemeinen Verwendungskontexte an die Öffentlichkeit getragen werden sollte.

Pronomen hen

Dieses Pronomen wurde aus dem Schwedischen übernommen, wo es seit einigen Jahren immer größere Verbreitung findet, und hat auch schon unter nichtbinären Deutschsprachigen Verbreitung gefunden. Das e wird kurz gesprochen.

Deklination:

Nominativformhen
Possessivformhens
Dativformhem
Akkusativformhen

Eine Unterscheidung des Akkusativs vom Nominativ bietet sich bei diesem Pronomen nicht an.

Possessivform hens

Die Possessivform wird ähnlich wie Eigennamen im Genitiv gebildet, indem ein s an die Grundform angehängt wird: Kims Auto, Kims Jacke, an Kims Geburtstag. Allerdings erhält hens im Gegensatz zu Eigennamen Endungen wie die anderen Possessiv-Artikel: hens Auto, hense Jacke, an hensem Geburtstag (vgl. ihr Auto, ihre Jacke, an ihrem Geburtstag). Ein Grund dafür ist, dass Genitivkonstrukte mit einer endungslosen Possessivform missverstanden werden könnten. Ein Beispiel: „Macht das Essen hens Mutter glücklich?“ Wenn die Possessivform hens endungslos verwendet würde, wäre in diesem Satz nicht eindeutig, ob gefragt wird, ob die Mutter vom Essen glücklich wird oder ob das Essen der Mutter andere glücklich macht. Wenn hens hingegen auf dieselbe Art Endungen erhält wie andere Possessiv-Artikel, wird dieses Problem vermieden: Bei „Macht das Essen henser Mutter glücklich?“ ist analog zu „Macht das Essen seiner Mutter glücklich?“ eindeutig, dass danach gefragt wird, ob das Essen der Mutter andere glücklich macht.

Dativform hem

Im Dativ wird das n der Grundform durch ein m ersetzt, analog zum ‑m in der Dativform der inklusivischen Artikel (derm, einerm etc.). Dieses ist zwar am Silbenende lautlich oft nicht so gut vom n unterscheidbar, doch dies führt in den wenigsten Kontexten zu Problemen.

Pronomen en

Die Grundform en für ein deutschsprachiges geschlechtsneutrales Pronomen wurde 2018 auf dem österreichischen LGBTIQA+-Kongress in St. Pölten entwickelt. Begründet wurde die Form damit, dass sie wie die existierenden Pronomen es und er nach dem Schema „e+Konsonant“ aufgebaut ist und wie das geschlechtsneutrale Pronomen hen auslautet. Das e wird wie in es kurz gesprochen. Das n ist der häufigste Konsonant in der deutschen Sprache, und die Kombination en kommt in unzähligen Wort-Endungen vor, wodurch diese Grundform für Deutschsprachige sehr leicht aussprechbar ist.

Deklination:

Nominativformen
Possessivformens
Dativformem
Akkusativformen

Alle Formen dieses Pronomens entsprechen den jeweiligen von hen, wenn das h weggenommen wird: an (h)ensem Geburtstag, Ich habe es (h)em gegeben, Magst du (h)en?.

Pronomen als Teil geschlechtsneutraler Sprache

In den letzten Jahren ist insbesondere in queeren Kreisen im deutschsprachigen Raum das Bewusstsein gereift, dass der Mangel eines etablierten geschlechtsneutralen Pronomens in der deutschen Sprache ein Problem ist. Dieses Bewusstsein ist ein wichtiger Nährboden für die Verbreitung eines solchen Pronomens im Sprachgebrauch. Allerdings ist uns auch aufgefallen, dass der Mangel an geschlechtsneutralen Substantiven, Artikeln und Adjektivendungen bisher viel weniger wahrgenommen und thematisiert wird.

Dies mag unter anderem daran liegen, dass der Diskurs stark von der Entwicklung im englischsprachigen Raum beeinflusst ist, wo durch die stärkere Etablierung des singular they eine bessere sprachliche Repräsentation nichtbinärer Personen erreicht wurde und wo durch die grammatische Beschaffenheit der englischen Sprache andere Wortarten für den geschlechtsneutralen Sprachgebrauch kaum Probleme bereiten.

Deutsch hingegen ist eine Sprache, in der das Geschlecht in vielen Wortarten ausgedrückt wird, da häufig durch die Wahl des Genus (grammatischen Geschlechts) auch etwas über das Geschlecht der benannten Person kommuniziert wird. Wir halten es daher im Fall der deutschen Sprache für unerlässlich, den Blick auch über die Pronomen hinweg auf andere Wortarten zu richten und ein geschlechtsneutrales Genus zu entwickeln, das Inklusivum. Ein Vorschlag für ein derartiges Gesamtsystem findet sich hier. Dabei wollen wir nicht nur mehr Sichtbarkeit für nichtbinäre Personen schaffen, sondern auch die Gleichberechtigung der weiblichen Bevölkerung unterstützen, wobei das von uns entwickelte System als Alternative zum Gendern verstanden werden kann.