Ergebnisse der Umfrage zu Ableitungen von Personenwörtern

(Mai 2024)

Vom 13.5. bis zum 28.5.2024 haben wir innerhalb unserer Diskussionsforen eine Umfrage dazu durchgeführt, wie wir im De-e-System mit Wörtern umgehen wollen, die wie verarzten, richterlich, Bäckerei und Freundschaft von Personenwörtern abgeleitet sind. Es wurde darüber abgestimmt, ob wir überhaupt neue Formen empfehlen sollten, und wenn ja, welche.

Das Ergebnis ist, dass wir in den meisten Fällen empfehlen, die herkömmliche Form unverändert zu verwenden. Nur bei Substantiven, die wie Studentenschaft vor dem Suffix ‑schaft ein Fugenelement wie ‑en enthalten, war das Ergebnis weniger eindeutig, sodass hier neben Studentenschaft auch noch Studentschaft, Studenternschaft und Studenterneschaft weiterhin im Rennen sind und wir noch eine Abstimmung dazu durchführen wollen, wie wir die Empfehlung für diesen Sonderfall formulieren. Auf dem Rest dieser Seite erläutern wir die Durchführung und die Ergebnisse dieser Umfrage im Detail.

Die Umfrage

Die Umfrage war in mehrere Teile gegliedert, in denen es jeweils um verschiedene Ableitungs-Endungen ging. Allgemein haben wir uns bei den zur Wahl stehenden Optionen daran orientiert, welche Optionen im Falle von zusammengesetzten Substantiven noch im Rennen sind (inklusivische Singularform ‑e, inklusivische Pluralform ‑erne, gekürzte Inklusivische Pluralform ‑ern, inklusivische Dativ-Plural-Form ‑ernen). Zusätzlich stand auch jeweils die herkömmliche Form zu Wahl, unter anderem weil sie meistens als eine Kürzung der inklusivischen Singularform durch Tilgung des zweiten e aufgefasst werden kann (was im Deutschen bisher ein recht übliches Phänomen ist).

Da die Endung ‑ei mit einem Vokal beginnt, bieten sich hier keine Lösungen an, bei denen vor ‑ei ein Vokal steht, sodass hier nur drei Optionen zur Wahl standen:

  • herkömmliche Formen: Bäckerei, Konditorei, Abtei
  • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: Bäckernei, Konditornei, Abternei
  • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: Bäckernenei, Konditornenei, Abternenei

Die Adjektiv-Endungen ‑lich und ‑haft wurden gemeinsam behandelt, wobei hier alle fünf der eingangs aufgeführten Optionen zur Wahl standen:

  • herkömmliche Formen: richterlich, anwaltlich, musterschülerhaft
  • mit inklusivischer Singularform: richterelich, anwaltelich, musterschülerehaft
  • mit inklusivischer Pluralform: richternelich, anwalternelich, musterschülernehaft
  • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: richternlich, anwalternlich, musterschülernhaft
  • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: richternenlich, anwalternenlich, musterschülernenhaft

Bei Verben, die von Personensubstantiven abgeleitet sind, standen folgenden Optionen zur Wahl:

  • herkömmliche Formen: befreunden, anfreundenverarzten
  • Infinitiv endet auf ‑ern: befreundern, anfreundernverarztern
  • Infinitiv endet auf ‑ernen: befreundernen, anfreundernenverarzternen

Bei Ableitungen auf -schaft gibt es drei morphologische Kategorien, die Einfluss darauf hatten, welche Optionen zur Wahl standen:

  • Vor -schaft steht genau die maskuline Grundform:
    • herkömmliche Formen: Schülerschaft, Freundschaft
    • mit inklusivischer Singularform: Schülereschaft, Freundeschaft
    • mit inklusivischer Pluralform: Schülerneschaft, Freunderneschaft
    • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: Schülernschaft, Freundernschaft
    • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: Schülernenschaft, Freundernenschaft
  • Vor -schaft steht eine Form mit getilgtem e (z. B. Kundschaft, Erbschaft):
    • herkömmliche Formen: Kundschaft, Erbschaft
    • mit inklusivischer Singularform: Kundereschaft, Erbereschaft
    • mit inklusivischer Pluralform: Kunderneschaft, Erberneschaft
    • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: Kundernschaft, Erbernschaft
    • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: Kundernenschaft, Erbernenschaft
  • Vor -schaft steht eine maskuline Pluralform (wobei die Pluralendung auch als Fugenelement gedeutet werden kann):
    • herkömmliche Formen: Studentenschaft, ÄrzteschaftPatenschaft
    • ohne Fugenelement: Studentschaft, ArztschaftPatschaft
    • mit inklusivischer Singularform: Studenteschaft, ArzteschaftPatereschaft
    • mit inklusivischer Pluralform: Studenterneschaft, ÄrzterneschaftPaterneschaft
    • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: Studenternschaft, ÄrzternschaftPaternschaft
    • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: Studenternenschaft, ÄrzternenschaftPaternenschaft

Die Teilnehmerne konnten auswählen, ob sie die Formen auf -schaft abhängig von dieser Klassifizierung getrennt oder unabhängig davon einheitlich bewerten wollen.

Bei Ableitungen auf -schaft gibt es zudem zwei verschiedene Bedeutungskategorien: Manche dieser Wörter beschreiben eine Personengruppe (z. B. Schülerschaft, Kundschaft, Studentenschaft), andere haben eine abstrakte Bedeutung (z. B. Freundschaft, Erbschaft, Patenschaft). Es kam in der Diskussion die Idee auf, dass z. B. eine Ableitung von der inklusivischen Pluralform im ersten Fall sinnvoller erscheinen könnte als im zweiten Fall. Auch hier konnten die Teilnehmerne entscheiden, ob sie ihre Bewertung von diesem Aspekt abhängig machen wollen.

Jeder Vorschlag (sowohl im ersten als auch im zweiten Teil) konnte mit einer Note von 1 bis 6 bewertet werden, wobei erläutert wurde, dass 1 „sehr gut“, 4 „gerade so akzeptabel“ und 6 „sehr schlecht“ bedeutet.

Vor der Umfrage hatten wir die wichtigsten Argumente für und gegen die verschiedenen Vorschläge zu einer Pro-Contra-Liste zusammengetragen, auf die wir in der Einleitung der Umfrage verwiesen haben.

Die Ergebnisse

Es haben 11 Personen an der Umfrage teilgenommen. Dies war von allen unseren Umfragen bisher diejenige, die mit Abstand am wenigsten Teilnehmerne hatte (ansonsten waren es bei unseren gruppeninternen Umfragen zwischen 15 und 42 Teilnehmerne). Die kleine Teilnehmernezahl ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, dass dies ein relativ komplexes Thema war, das zudem im Sprachgebrauch nur relativ selten eine Rolle spielt. Wir denken, dass eine Teilnahme von 11 Personen immer noch eindeutig besser ist, als wenn sich zum Beispiel nur zwei besonders engagierte Personen auf eine Empfehlung einigen würden, ohne weitere Personen zu konsultieren.

Wir verwenden bei der Darstellung der Ergebnisse folgende Abkürzungen:

  • herkömmliche Formen: herkömmlich
  • ohne Fugenelement: keine Fuge
  • mit inklusivischer Singularform: Sg.
  • mit inklusivischer Pluralform: Pl.
  • mit gekürzter inklusivischer Pluralform: Pl. kurz
  • mit inklusivischer Dativ-Plural-Form: Dat. Pl.

Die folgenden drei Graphiken stellen die Durchschnittsnoten der jeweiligen Optionen bei den Ableitungssuffixen ‑ei und ‑lich/‑haft sowie bei den abgeleiteten Verben dar:

Durchschnittsnoten der drei Optionen bei Ableitungen auf ‑ei
Durchschnittsnoten der fünf Optionen bei Ableitungen auf ‑lich/‑haft
Durchschnittsnoten der drei Optionen bei Verben, die von Personensubstantiven abgeleitet sind

Aus den Graphiken ist ersichtlich, dass die herkömmliche Form jeweils mit Abstand die beliebteste war. Aufgrund der kleinen Zahl an Umfrageteilnehmernen könnten bei manchen Leuten Zweifel aufkommen, ob die Ergebnisse überhaupt statistisch relevant sind und Aussagekraft haben bezüglich der Frage, mit welchen Formen sich Deutschsprachige anfreunden können, die nach einer Alternative zum bisherigen Gendern suchen. Hierfür haben wir dieselbe Likelihood-Analyse durchgeführt wie bei früheren Umfragen. Die Methodik wird im Artikel zur ersten Substantivumfrage erläutert. Dabei sind die folgenden Likelihood-Werte herausgekommen:

‑ei‑lich/‑haftabgeleitete Verben
herkömmlich99,8 %98,0 %100,0 %
Sg.1,9 %
Pl.0,0 %
Pl. kurz / -ern0,2 %0,0 %0,0 %
Dat. Pl. / -ernen0,0 %0,0 %0,0 %

Wir haben bei früheren Umfragen den Schnitt zwischen qualifizierten und ausgeschiedenen Vorschlägen so gesetzt, dass die Irrtumswahrscheinlichkeit unter 5 % liegt. Nach diesem Kriterium hat sich eindeutig nur die herkömmliche Form qualifiziert.

Bei der Likelihood-Analyse fließt auch die Anzahl der Teilnehmerne mit in die Rechnung ein. Bei weniger Teilnehmernen ist das Ergebnis im Allgemeinen statistisch weniger aussagekräftig, da nur ein paar zusätzliche Stimmen es komplett ändern könnten. Die Tatsache, dass die oben aufgeführten Ergebnisse der Likelihood-Analyse statistisch sehr signifikant sind, zeigt, dass die Präferenzen der Umfrage-Teilnehmerne so eindeutig waren, dass die Umfrage-Ergebnisse trotz der geringen Teilnehmernezahl aussagekräftig ist.

Bei den Ableitungen auf ‑schaft konnten die Teilnehmerne abhängig von den im Abschnitt „Die Umfrage“ erläuterten morphologischen und semantischen Kategorien verschiedene Noten abgeben, weswegen wir die Resultate nach dieses Kategorien aufgeteilt darstellen:

Durchschnittsnoten der fünf Optionen bei Ableitungen, die eine Personengruppe bezeichnen und bei denen vor ‑schaft bisher die maskuline Grundform steht, z. B. Schülerschaft, Anwaltschaft
Durchschnittsnoten der fünf Optionen bei Ableitungen, die eine Personengruppe bezeichnen und bei denen vor ‑schaft bisher eine Form mit getilgtem e steht, z. B. Kundschaft, Kollegschaft
Durchschnittsnoten der sechs Optionen bei Ableitungen, die eine Personengruppe bezeichnen und bei denen vor ‑schaft bisher eine maskuline Pluralform steht, z. B. Studentenschaft, Ärzteschaft
Durchschnittsnoten der fünf Optionen bei Ableitungen mit abstrakter Bedeutung, bei denen vor ‑schaft bisher die maskuline Grundform steht, z. B. Freundschaft, Urheberschaft, Partnerschaft, Präsidentschaft
Durchschnittsnoten der fünf Optionen bei Ableitungen mit abstrakter Bedeutung, bei denen vor ‑schaft bisher eine Form mit getilgtem e steht, z. B. Erbschaft, Gehilfschaft
Durchschnittsnoten der sechs Optionen bei Ableitungen mit abstrakter Bedeutung, bei denen vor ‑schaft eine maskuline Pluralform steht, z. B. Patenschaft, Komplizenschaft

Auch hier ist in den meisten Fällen die herkömmliche Form die beliebteste. Nur bei den Ableitungen, bei denen vor ‑schaft bisher ein Fugenelement in Form einer maskulinen Pluralendung steht (wie Studentenschaft), war die Option am beliebtesten, dieses Fugenelement zu tilgen (je nach semantischer Kategorie entweder gleichauf mit der herkömmlichen Form oder eindeutig beliebter als diese). Bei Ableitungen dieser Art war auch die Option, das Fugenelement durch die gekürzte Pluralendung -ern zu ersetzen, relativ beliebt.

Auch für Ableitungen auf -schaft haben wir eine Likelihood-Analyse durchgeführt, wobei wir auch hier die Ergebnisse nach den morphologischen und semantischen Kategorien aufteilen:

Grundform; Gruppegetilgt; GruppePluralform; GruppeGrundform; abstraktgetilgt; abstraktPluralform; abstrakt
herkömmlich81,0 %94,95 %13,2 %91,3 %99,9 %46,5 %
keine Fuge51,1 %46,5 %
Sg.9,0 %1,60 %4,8 %6,9 %0,1 %0,7 %
Pl.3,3 %3,21 %6,8 %0,6 %0,0 %0,7 %
Pl. kurz6,7 %0,21 %24,0 %1,2 %0,0 %5,7 %
Dat.-Pl.0,0 %0,03 %0,1 %0,0 %0,0 %0,0 %

In der Tabelle sind diejenigen Optionen fett markiert, die sich in der jeweiligen Kategorie nach dem von uns verwendeten Kriterium (Irrtumswahrscheinlichkeit unter 5 %) qualifiziert haben.

Bei denjenigen Wörtern, bei denen vor ‑schaft die maskuline Grundform (ggf. mit getilgtem e) steht, hat die herkömmliche Form keine Fuge, weswegen die Option „keine Fuge“ in diesen Kategorien nicht gesondert aufgeführt wurde. Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, hat sich somit in jeder Kategorie die herkömmliche Form und ggf. eine Form ohne Fuge qualifiziert. Die gekürzte Pluralform hat sich in drei der sechs Kategorien qualifiziert, unter anderem in den beiden Kategorien mit Fugenelement in Form einer maskulinen Pluralendung vor ‑schaft. In diesen zwei Kategorien war das Ergebnis vergleichsweise uneindeutig. Die ungekürzte Pluralform und die Singularform haben sich in jeweils zwei der sechs Kategorien qualifiziert, die Dativ-Plural-Form in keiner.

Die Datei mit den Rohdaten und Details zur statistischen Auswertungen lässt sich hier herunterladen.

Mögliches weiteres Vorgehen

Die Ergebnisse dieser Umfrage sollen als Grundlage für eine Empfehlung dazu dienen, wie im De‑e-System mit Wörtern umgegangen werden kann, die von einem Personenwort abgeleitet sind. Einerseits ist es wünschenswert, eine möglichst einheitliche Empfehlung für solche Ableitungen zu haben; andererseits sollten aber spezifische Probleme einzelner Formen dabei nicht unbeachtet bleiben, sofern die Umfrageergebnisse klar darauf hinweisen, dass viele Leute die Probleme als solche wahrnehmen.

Bei den Ableitungen auf ‑ei, ‑lich oder ‑haft sowie den Verben waren die Ergebnisse eindeutig, sodass wir hier auf jeden Fall nur die herkömmliche Form empfehlen werden. Bei den Ableitungen auf ‑schaft ohne Fugenelement vor der Endung war die herkömmliche Form auch mit Abstand am beliebtesten. Zwar haben sich wegen der geringen Teilnehmernezahl trotz dieses relativ großen Abstands bei einigen Kategorien von Wörtern mit ‑schaft auch andere Formen qualifiziert (z. B. SchülerneschaftSchülereschaft, Präsidenteschaft und Kundernschaft), aber es scheint nicht sinnvoll, nur in einigen Sonderfällen Ausnahmen im System zu haben, wenn diese nicht relativ systematisch auf ähnliche Fälle anwendbar sind. Aufgrund des Ziels einer möglichst einheitlichen Empfehlung sprechen die Ergebnisse aus unserer Sicht dafür, bei Ableitungen ohne Fugenelement vor dem Ableitungssuffix einheitlich die Verwendung der herkömmlichen Form zu empfehlen. Wir werden dies in den Gruppen aber nochmal absprechen.

Nur bei den Ableitungen mit Fugenelement vor ‑schaft war eine andere Form beliebter als die herkömmliche, nämlich die Form ohne Fugenelement (z. B. Studentschaft). Bei diesen Wörtern ist das Ergebnis der Umfrage nicht eindeutig genug, um ohne weitere Abstimmung in unseren Foren eine Entscheidung dazu zu treffen, welche Form(en) wir auf unserer Webpräsenz empfehlen. In den beiden semantischen Teilkategorien dieser morphologischen Kategorie hat sich jeweils auch die herkömmliche Form (z. B. Studentenschaft und Patenschaft) und die gekürzte Pluralform (z. B. Studenternschaft und Paternschaft) qualifiziert, bei einer der beiden semantischen Teilkategorien zudem auch die ungekürzte Pluralform (z. B. Studenterneschaft). Aufgrund dieser Betrachtungen und der des vorigen Absatzes wollen wir in unseren Foren die folgenden fünf Optionen zur Auswahl zu stellen, mit abnehmender Übersichtlichkeit des empfohlenen Gesamtsystems:

  • Wir empfehlen, im De-e-System das Fugenelement zu tilgen (Studentschaft), erlauben aber auch die herkömmliche Form (Studentenschaft).
  • Wir geben für das De-e-System die Wahl zwischen diesen beiden Formen (Studentschaft und Studentenschaft), ohne eine Empfehlung auszusprechen.
  • Wir geben im De-e-System die Wahl zwischen der Option, das Fugenelement zu tilgen (Studentschaft), die herkömmliche Form zu nutzen (Studentenschaft) oder das Fugenelement durch die gekürzte Pluralform zu ersetzen (Studenternschaft).
  • Wir geben im De-e-System die Wahl zwischen den drei soeben aufgeführten Optionen sowie der Option, das Fugenelement durch die ungekürzte Pluralform zu ersetzen (Studenterneschaft).
  • Wir stellen alle laut der Likelihood-Analyse qualifizierten Formen als Teil des De-e-Systems dar.