Ergebnisse der Umfrage zu Lang- und Kurzformen der Substantive (Juli 2022)

Vom 10.7. bis zum 22.7.2022 haben wir innerhalb unserer Diskussionsforen eine Umfrage zu Kurz- und Langformen der geschlechtsneutralen Substantive durchgeführt. Dabei ging es um Formen, die Anwendung finden könnten, sofern sich der Vorschlag durchsetzt, die neuen geschlechtsneutralen Substantive in den meisten (oder allen) Fällen auf „-e“ enden zu lassen.

Es haben sich die Langformen Schülere und Kundere gegenüber den Kurzformen Schüle bzw. Kund durchgesetzt, während sich die Kurzform Studente gegenüber der Langform Studentere durchgesetzt hat. Bei Freundere/Freunde bleiben beide Formen im Rennen.

Auf dem Rest dieser Seite erläutern wir zuerst die vier Substantivgruppen, die in dieser Umfrage getrennt betrachtet wurden. Danach stellen wir die Ergebnisse und die statistische Auswertung vor.

Hintergrund

Bei der ersten Substantivumfrage im April 2021 war bei Substantiven, die auf ein unbetontes ‑er enden, der Vorschlag, zur Bildung der geschlechtsneutralen Form ein ‑e an die maskuline Grundform anzuhängen, am beliebtesten, z. B. Schülere. Bei Substantiven, die wie Kunde auf -e enden, war Kundere am beliebtesten. Bei Substantiven, die wie Student weder auf -er noch auf -e enden, war Studente am beliebtesten, wobei Studentere ähnlich beliebt war und daher für die weitere Entscheidungsfindung auch im Rennen blieb.

In der Zwischenzeit kam die Idee auf, dass auch bei Substantiven auf ‑er eine kürzere geschlechtsneutrale Form möglich ist, z. B. Schüle. Bei Kunde bietet es sich aufgrund der Kollision mit der maskulinen Form nicht an, die geschlechtsneutrale Form einfach auf -e enden zu lassen, sodass die Idee aufkam, eine kurze geschlechtsneutrale Form durch Tilgung des -e zu bilden: Kund.

Substantive, die wie Freund den Plural (Freunde) durch Anhängen von -e bilden, wurden bei der ersten Umfrage nicht explizit thematisiert. Es hat aber schon seit längerem sowohl den Vorschlag Freundere als auch den Vorschlag Freunde gegeben.

Die Umfrage

Entsprechend der bereits erläuterten Erwägungen haben wir bei dieser Umfrage vier Gruppen von Substantiven unterschieden, wobei in jeder Gruppe eine Lang- und eine Kurzform zur Wahl stand:

  • Schüler-Gruppe: Personensubstantive, deren letzte Silbe unbetont ist und auf ‑er endet (z. B. Schüler, Lehrer, Arbeiter, Australier).
    • Langform: Schülere
    • Kurzform: Schüle
  • Freund-Gruppe: Personensubstantive, die im Singular auf einen Konsonanten enden und im Plural ein ‑e erhalten, ohne dass der Stammvokal umgelautet wird (z. B. Freund, Pionier, Friseur, Millionär).
    • Langform: Freundere
    • Kurzform: Freunde
  • Studente-Gruppe: Personensubstantive, die im Singular auf einen Konsonanten enden und im Plural entweder ein ‑en (z. B. Student, Gitarrist), ein ‑n (z. B. Nachbar, Ungar) oder ein ‑e erhalten, während der Stammvokal umgelautet wird (z. B. Koch, Arzt, Anwalt).
    • Langform: Studentere
    • Kurzform: Studente
  • Kunde-Gruppe: Personensubstantive, die im Singular auf ‑e enden (z. B. Kunde, Kollege, Psychologe, Schotte).
    • Langform: Kundere
    • Kurzform: Kund

Bei jeder Gruppe konnten die Teilnehmerne der Lang- und Kurzform jeweils eine Note zwischen 1 und 6 geben, wobei erläutert wurde, dass 1 „sehr gut“, 4 „gerade so akzeptabel“ und 6 „sehr schlecht“ bedeutet. Des Weiteren gab es zu jeder Gruppe eine Frage der folgenden Form: „Wie findest Du die Idee, sowohl die Lang- als auch die Kurzform von Substantiven der Schüler-Gruppe zu Bestandteilen des von uns ausgearbeiteten Systems zu machen?“ Diese Option kürzen wir im Folgenden durch „beide“ ab. Es wurde erläutert, dass sich die Noten für die Lang- und Kurzform auf die Option beziehen, die jeweilige Form zur einzigen geschlechtsneutralen Form der Substantive der jeweiligen Gruppe zu machen.

Vor der Umfrage haben wir die wichtigsten Argumente, die während der Diskussion für oder gegen die verschiedenen Vorschläge vorgebracht wurden, zu einer Pro-Contra-Liste zusammengetragen, auf die wir in der Einleitung der Umfrage verwiesen haben.

Die Ergebnisse

Es haben 20 Personen teilgenommen. Die folgenden vier Graphiken stellen die Durchschnittsnoten dar, die die verschiedenen Vorschläge in den vier Substantivgruppen erhalten haben:

Durchschnittsnoten in der Schüler-Gruppe
Durchschnittsnoten in der Freund-Gruppe
Durchschnittsnoten in der Student-Gruppe
Durchschnittsnoten in der Kunde-Gruppe

Wie leicht erkennbar ist, war in der Schüler-Gruppe und in der Kunde-Gruppe jeweils die Langform eindeutig am beliebtesten, während in der Student-Gruppe die Kurzform diese Stellung hat. In der Freund-Gruppe hingegen waren alle drei Optionen ähnlich beliebt.

Die Datei mit den Rohdaten und Details zu den im nächsten Abschnitt erläuterten statistischen Auswertungen lässt sich hier herunterladen.

Statistische Analyse der Ergebnisse

Wir wollen die Ergebnisse dieser Umfrage dafür verwenden, zu entscheiden, welche Vorschläge für die weitere Entscheidungsfindung im Rennen bleiben. Der Schnitt zwischen den Vorschlägen, die sich dafür qualifizieren, und denen, die wir nicht weiter betrachten, sollte möglichst systematisch gemacht werden, um Willkür zu vermeiden. Wie schon bei den vorherigen neun Umfragen haben wir zu diesem Zweck eine Likelihood-Analyse durchgeführt, also für jeden Vorschlag die wahrscheinlichkeitstheoretische Plausibilität dafür bestimmt, dass dieser Vorschlag unter allen an diesem Thema interessierten Deutschsprachigen am beliebtesten wäre (also die höchste Durchschnittsnote hätte, wenn wir alle interessierten Personen befragen könnten). Die Methodik wird im Artikel zur ersten Substantivumfrage erläutert. Dabei sind die folgenden Werte herausgekommen:

Schüler-GruppeFreund-GruppeStudent-GruppeKunde-Gruppe
Langform97,3 %43,7 %0,0 %0,00 %
Kurzform0,0 %12,6 %99,7 %99,85 %
beide2,7 %43,7 %0,3 %0,15 %

Wenn wir wie bei den früheren Umfragen den Schnitt zwischen qualifizierten und ausgeschiedenen Vorschlägen so setzen, dass die Irrtumswahrscheinlichkeit unter 5 % liegt, dann hat sich in der Schüler- und Kunde-Gruppe jeweils nur die Langform qualifiziert, in der Student-Gruppe nur die Kurzform und in der Freund-Gruppe alle drei Optionen.

Fazit

In drei der vier betrachteten Substantivgruppen hat diese Umfrage ein eindeutiges Ergebnis geliefert. Nur in der Freund-Gruppe kann es jetzt aufgrund dieser Ergebnisse noch keine Festlegung geben.

Neben der Option, die Substantive auf ‑e enden zu lassen, sind aufgrund der Substantiv-Umfrage vom letzten Jahr noch zwei weitere Endungen für die geschlechtsneutralen Substantive im Rennen, nämlich -ens (z. B. mein Freundens) und -is (z. B. mein Freundis mit kurzem i wie in Praxis). Falls sich -e in der weiteren Konsensfindung gegenüber diesen beiden anderen Optionen durchsetzt, werden wir irgendwann nochmal darauf zurückkommen müssen, ob Freundere, Freunde oder beide Formen langfristig Bestandteile unseres Systems sein sollen. Bis dahin werden wir in Beschreibungen des Systems provisorisch beide Formen als Optionen aufführen mit einem Hinweis dazu, dass dazu noch eine Entscheidung ansteht. Wir halten es für sinnvoll, die Entscheidung dazu erst in ein oder zwei Jahren zu fällen, wenn das System schon im Sprachgebrauch verstärkt ausprobiert wurde und wir ein besseres Gefühl dafür haben, wie wichtig eine Unterscheidung von der Pluralform des Maskulinums wirklich ist.