Was bringt geschlechtsneutrale Sprache

Die deutsche Sprache in ihrer traditionellen Form macht es sehr schwierig und teilweise sogar unmöglich, über eine Person zu sprechen, ohne ihre Zugehörigkeit zu einer der beiden traditionellen Geschlechter auszudrücken. So muss man sich zum Beispiel bei dem Pronomen zwischen sie und er entscheiden, und muss sich bei den meisten Personenbezeichnungen zwischen einer weiblichen und einer männlichen Form entscheiden. Dies gilt sowohl für Berufsbezeichnungen (z.B. Lehrerin/Lehrer), wie auch für Verwandtschaftsbezeichnungen (z.B. Tante/Onkel) und für viele andere Personenbezeichnungen (z.B. Nachbarin/Nachbar, Schweizerin/Schweizer usw.). Dieser Zwang, das Geschlecht zu erwähnen, ist durch gesellschaftliche Veränderungen höchst problematisch geworden:

  1. Traditionell wurde die maskuline Form nicht nur zur Markierung des männlichen Geschlechts verwendet, sondern in bestimmten Kontexten auch verwendet, um generisch über beide Geschlechter zu sprechen, das sogenannte generische Maskulinum. Seitdem die Gleichstellung der Frauen als gesellschaftliches Ziel angestrebt wird, gibt es eine immer weiter wachsenden Teil der Gesellschaft, der diesen Sprachgebrauch als diskriminierend und mit der Gleichstellung unvereinbar wahrnimmt. Unter anderem wird dabei darauf hingewiesen, dass sich viele Leute bei solchen Ausdrücken, die eigentlich beide Geschlechter meinen sollen, doch meistens nur einen Mann vorstellen, so dass diese Ausdrücke ihre generische Funktion nicht ausreichend erfüllen. Hier gibt es weitere Erläuterungen dazu, wieso das generische Maskulinum nicht für den geschlechtsneutralen Sprachgebrauch taugt.
  2. In unserer modernen Gesellschaft spielt das Geschlecht nicht mehr eine so große Rolle wie früher, so dass es immer mehr Menschen natürlich erscheint, über eine Person zu sprechen, ohne ihr Geschlecht zu erwähnen, genauso wie man über eine Person sprechen kann, ohne ihr Alter, ihre Nationalität oder ihre Haarfarbe zu erwähnen. Der Zwang, das Geschlecht auch in Situationen zu erwähnen, in denen es gar nicht relevant ist, scheint vielen nicht mehr zeitgemäß.
  3. Es gibt eine wachsende Anzahl von Menschen, die sich weder eindeutig dem weiblichen noch eindeutig dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Der allgemeine Begriff für Personen mit einer solchen Geschlechtsidentität ist nicht-binär. Nicht-binärer Personen und ihre Mitmenschen stehen häufig vor der Schwierigkeit, dass es die deutsche Sprache in ihrer traditionellen Form sehr schwierig macht, über nicht-binäre Personen zu sprechen, ohne dabei Wörter zu verwenden, die eine Zugehörigkeit zu einem der beiden traditionellen Geschlechter ausdrücken. Durch die im Dezember 2018 beschlossene Reform des Personenstandsgesetzes, die in Deutschland den Geschlechtseintrag „divers“ ermöglicht, gibt es in jüngster Zeit eine verstärkte Aufmerksamkeit für dieses Thema, und die damit zusammenhängende sprachliche Problematik dürfte sehr bald auch für den amtlichen Sprachgebrauch relevant werden.

Sprache passt sich im Laufe der Zeit den kommunikativen Bedürfnissen ihrer Sprecher an. Am eindeutigsten erkennt einel dies bei wissenschaftlichen und technologischen Innovationen, die immer mit der Etablierung neuer Begriffe Hand in Hand gehen. Aber auch gesellschaftlicher Wandel beeinflusst den Sprachgebrauch. So fühlt sich heutzutage kaum noch jemand verpflichtet, eine unverheiratete Frau mit „Fräulein“ anzusprechen, obwohl dies noch vor wenigen Jahrzehnten die Norm war.

Da es heute ein wachsendes Bedürfnis dafür gibt, von anderen Personen reden zu können ohne diesen eine der beiden traditionellen Geschlechtskategorien zuzuordnen, ist davon auszugehen, dass sich die Sprache an dieses kommunikative Bedürfnis anpassen wird. Um diesen Prozess anzuschieben muss aber erstmal jemand einen konkreten Vorschlag dazu machen, wie geschlechtsneutrale Begriffe in die gesprochene deutsche Sprache integriert werden könnten. Das Del-On-Sel-System ist ein solcher Vorschlag.

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