Wieso nicht beim generischen Maskulinum bleiben?

Im traditionellen Sprachgebrauch wird das generische Maskulinum verwendet, um über eine unspezifische Person beliebigen Geschlechts zu sprechen oder um im Plural über Personengruppen gemischten Geschlechts zu sprechen. Bevor näher darauf eingegangen werden kann, wieso das generische Maskulinum nicht als Lösung für das Bedürfnis nach geschlechtsneutralen Begriffen taugt, sollte sich erst einmal genauer angeschaut werden, was das generische Maskulinum überhaupt ist.

Ganz unabhängig vom grammatischen Geschlecht (Genus) können im Deutschen semantisch drei Kategorien von personenbezeichnenden Substantiven unterschieden werden:

  1. Es gibt Substantive, die keinerlei geschlechtliche Bedeutung tragen, z. B. Mensch, Person, Mitglied, Kind, Opfer, Elternteil.
  2. Es gibt Substantive, die in allen Kontexten eine geschlechtliche Bedeutung tragen, z. B. Mann, Vater, Sohn, Junge, Bruder, Witwer, Mönch usw. mit männlicher Bedeutung sowie Frau, Mutter, Tochter, Mädchen, Schwester, Witwe, Nonne usw. mit weiblicher Bedeutung.
  3. Und es gibt Substantive, die beim Sprechen über eine spezifische Person diese als männlich markieren, aber im Plural sowie im generischen Singular, also beim Sprechen über eine unspezifische Person, bisher eine geschlechtsneutrale Bedeutung annehmen. In diese Gruppe fallen fast alle Berufsbezeichnungen (z. B. Bäcker, Lehrer, Professor, Pilot, Arzt usw.), aber auch andere Wörter wie z. B. Kunde, Freund, Nachbar, Kollege usw.

Mit Blick auf die Genus-Verteilung in den verschiedenen Kategorien ist zu sehen, dass in der dritten Kategorie alle Substantive maskulin sind, während in der zweiten Kategorie alle semantisch männlichen Substantive maskulin und alle semantisch weiblichen Substantive feminin sind (mit der Ausnahme von „Mädchen“, das aufgrund des Diminutiv-Suffixes im Neutrum steht). Nur in der ersten Kategorie sind die Genera der Substantive willkürlich verteilt. 

Diese Analyse zeigt, dass es eine starke Korrelation zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht gibt, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass einige der Substantive in der zweiten Kategorie zu den häufigsten und von Kindern meist sehr früh erlernten Personenbezeichnungen gehören. Nur bei den relativ wenigen maskulinen und femininen Substantiven der ersten Kategorie ist die Verbindung zwischen Genus und Geschlecht gänzlich aufgehoben. Bei den Substantiven der dritten Kategorie hingegen bleibt die männliche Bedeutung beim Sprechen über eine spezifische Person erhalten. Nur im Plural und im generischen Singular kann das Substantiv seine männliche Bedeutung verlieren, was als generisches Maskulinum bezeichnet wird.

Noch klarer ist die geschlechtsbezogene Bedeutung der Genera bei den substantivierten Adjektiven. Der einzige Unterschied zwischen Ausdrücken wie die Verlobte und der Verlobte ist das Genus: Durch das Femininum wird hier gekennzeichnet, dass eine weibliche Person gemeint ist. Durch das Maskulinum wird beim Sprechen über eine spezifische Person gekennzeichnet, das diese männlich ist. Nur beim Sprechen über eine unspezifische Person kann das Maskulinum auch eine geschlechtsneutrale Bedeutung annehmen.

Zusätzlich zu diesem generischen Maskulinum bei Substantiven und substantivierten Adjektiven gibt es auch das generische Maskulinum bei Pronomen: Wenn es um eine spezifische Person geht, verwendet man gewöhnlich er bei männlichen und sie bei weiblichen Personen, aber zusätzlich kann er auch benutzt werden, um über eine unspezifische Person zu sprechen: Wenn jemand zu spät erscheint, muss er dafür am Ende länger bleiben.

Wieso also taugt das generische Maskulinum nicht als Lösung für den geschlechtsneutralen Sprachgebrauch? Dafür gibt es drei wichtige Gründe:

a) Selbst wenn eine Person den traditionellen Gebrauch des generischen Maskulinums für unproblematisch hält und daher akzeptiert, ist zumindest eines der Probleme, die das Inklusivum zu lösen sucht, noch nicht aus der Welt. Denn das generische Maskulinum wird traditionell nur gebraucht, um generisch über eine unspezifische Person zu reden, und nicht für eine eindeutig spezifizierte Person. In ihrer traditionellen Form zwingt uns die deutsche Sprache dazu, beim Sprechen über eine spezifische Person diese einer der beiden traditionellen Geschlechtskategorien zuzuordnen. Da es immer mehr Menschen gibt, die sich als nichtbinär outen, und noch weit mehr Menschen, die über diese nichtbinären Menschen respektvoll sprechen wollen, gibt es dadurch jetzt ein kommunikatives Bedürfnis, für das der traditionelle Sprachgebrauch keine Lösung bereithält. Hier auf den traditionellen Gebrauch des generischen Maskulinums hinzuweisen lenkt also nur vom Problem ab, denn es geht nicht nur um Sätze, in denen man generisch über eine unspezifische Person redet.

b) Es gibt gute Gründe dafür, den traditionellen Gebrauch des generischen Maskulinums kritisch zu bewerten. In psycholinguistischen Studien wurde nachgewiesen, dass das Maskulinum mit dem männlichen Geschlecht und das Femininum mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert wird, auch wenn die verwendeten maskulinen Substantive zu der Klasse derjenigen Wörter gehören, die traditionell auch eine geschlechtsneutrale Bedeutung annehmen können (vgl. z. B. die in diesem Artikel zusammengetragenen Forschungsergebnisse). Bei Ausdrücken wie er, der Lehrer, der Schüler usw. denken also die meisten Deutschsprachigen erst einmal an eine männliche Person, auch wenn sie in einem generischen Kontext verwendet werden. Zusätzlich ist zu beachten, dass sich der Gebrauch des generischen Maskulinums sprachhistorisch in einem gesellschaftlichen Kontext entwickelt hat, in dem der öffentliche Diskurs von Männern dominiert wurde. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass es heute vielen Deutschsprachigen wichtig ist, den generischen Gebrauch des Maskulinums zu vermeiden, um sicherzustellen, dass de Gesprächspartnere (bzw. de Lesere) nicht als erstes an einen Mann denkt, und des Weiteren um der eigenen negativen Einstellung gegenüber unserem patriarchalischen Erbe Ausdruck zu verleihen.

c) Seit einigen Jahrzehnten gibt es eine immer stärker werdende Entwicklung weg vom generischen Maskulinum. Unabhängig davon, wie man dies persönlich für sich bewertet, kann man auch einfach konstatieren, dass es diese Entwicklung gibt und sie sich kaum mehr aufhalten lässt.

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