Kann die bisher maskuline Grundform geschlechtsneutral werden?

In der Diskussion zu geschlechtsneutraler Sprache ist unter anderem auch der Vorschlag aufgekommen, die unmarkierte, bisher maskuline Grundform der Personensubstantive (z. B. Lehrer, Schüler, Arzt) zu einer rein geschlechtsneutralen Form umzudeuten und diese Umdeutung dadurch zu unterstützen, dass für die männliche Bedeutung eine neue Form (z. B. der Lehrerich, der Lehrerun oder der Lehreran) eingeführt wird. Die Existenz einer neuen männlichen Form soll dazu beitragen, dass die unmarkierte Grundform nur in Kontexten verwendet wird, in denen das Geschlecht nicht kommuniziert werden soll.

Es lassen sich drei Varianten dieses Vorschlags unterscheiden:

  • Die unmarkierte Grundform könnte grammatisch im Maskulinum bleiben (z. B. der Lehrer), wie vom Sprachwissenschaftler Cyril Brosch vorgeschlagen.
  • Das Neutrum könnte für die unmarkierte Grundform verwendet werden (z. B. das Lehrer), wie im basisneutrales Gendern.
  • Das Inklusivum könnte für die unmarkierte Grundform verwendet werden (z. B. de Lehrer), was in unseren Foren mal als Option in Betracht gezogen wurde, sich aber bei unserer kollektiven Entscheidungsfindung nicht gegen die beliebtere Option einer neuen geschlechtsneutralen Form durchsetzen konnte.¹

Obwohl diese Verwendung der unmarkierten Grundform der Personensubstantive den Vorteil hätte, dass die geschlechtsneutralen Formen sehr ökonomisch wären, sehen wir mehrere signifikante Probleme bei diesem Vorschlag, wegen derer wir uns nicht für eine derartige Lösung aussprechen können. Auf dieser Seite werden diese Probleme erläutert. Zusätzlich gibt es die Seite Wieso nicht beim generischen Maskulinum bleiben?, auf der wir das generische Maskulinum in seiner klassischen Form erläutern und erklären, wieso es das Bedürfnis nach geschlechtsneutralen Begriffen nicht erfüllt.

1. Ambiguität

Das aus unserer Sicht triftigste Argument gegen ein derartiges System besteht darin, dass gar kein Grund dazu besteht, anzunehmen, dass ein so verwendetes unmarkiertes Personensubstantiv anders gemeint ist als das bisherige Maskulinum, wenn einey ihm ohne vorige Instruktion begegnet. Dadurch würde es bei der Verwendung dieser Lösung leicht zu Missverständnissen kommen. Bei der Kombination mit dem Neutrum oder Inklusivum wird zwar in einigen Fällen aufgrund des nicht-maskulinen Artikels explizit gemacht, dass es kein Maskulinum ist, aber in vielen Kontexten ist diese Unterscheidung nicht erkennbar:

  • Im Singular dann nicht, wenn kein Artikel oder Adjektiv dem Substantiv vorangeht (z. B. als Bürgermeister; Kims Lehrer), und mit Artikel auch nicht immer, zum Beispiel nicht in Kombination mit dem unbestimmten Artikel ein (ein Lehrer), und im Falle der Kombination mit dem Neutrum auch nicht in Genitiv- und Dativkonstruktionen (z. B. mit dem Lehrer dieses Schülers).
  • Im Plural gibt es gar keinen Unterschied zum traditionellen Maskulinum – und nach unserer Einschätzung wird eine geschlechtsneutrale Semantik sehr viel häufiger im Plural gebraucht als im Singular.

Dieses Problem tritt bei einer neuen geschlechtsneutralen Form wie Lehrere nicht auf, da die meisten Menschen, die einer neuen Form begegnen, ohne sie vorher gelernt zu haben, erst einmal davon ausgehen würden, dass sie keine Semantik hat, die sie bereits von existierenden Formen kennen. Viele würden wahrscheinlich sogar direkt darauf schließen, dass es sich um eine geschlechtsneutrale Neoform handelt, angesichts des Diskurses über das Gendern in der deutschen Sprache.

2. Assoziationen

Des Weiteren würden die meisten Deutschsprachigen wahrscheinlich selbst nach einer Instruktion über diesen Lösungsansatz noch auf der Ebene des intuitiven Sprachverständnisses die traditionell maskulinen Grundformen mit dem männlichen Geschlecht assoziieren, denn aufgrund von zahlreichen psycholinguistischen Studien sind diese Assoziationen auf der Ebene des unbewussten Sprachverständnis stark verankert (vergleiche z. B. die in diesem Artikel zusammengetragenen Forschungsergebnisse).

3. Zielgruppe

Ein weiterer Aspekt ist, dass wahrscheinlich viele derjenigen, die das generische Maskulinum ablehnen, einem solchen System erstmal abgeneigt gegenüberstehen würden und viel Überzeugungsarbeit nötig wäre, um ihre Skepsis zu zerstreuen. Und viele Leute, die kein oder zumindest kein großes Problem mit dem generischen Maskulinum haben, würden zwar weniger Widerstand gegenüber einem derartigen System verspüren, allerdings auch keinen Grund sehen, es für sich zu übernehmen. Die Gruppe von Menschen, die ein solches System tatsächlich realistischerweise auf Anhieb übernehmen würde, wäre also aus unserer Sicht sehr klein. 

4. Umfrage

Zu erwähnen ist auch, dass wir in einer öffentlichen Umfrage mit 899 Teilnehmernen verschiedene Ansätze, Personensubstantive geschlechtsneutral zu machen, zur Bewertung gegeben haben. Dabei war der Vorschlag, die unmarkierten Grundformen der Personensubstantive durch die Einführung einer männlichen Movierung geschlechtsneutral umzudeuten, am unbeliebtesten (neben der Option, das generische Maskulinum ohne Veränderung weiterzuverwenden). Siehe den Abschnitt Substantivsysteme auf der Seite zur Umfrage. Auch wenn die 899 Teilnehmerne dieser Umfrage sicher nicht repräsentativ für alle Deutschsprachigen waren, gibt die Umfrage doch einen bedeutenden Hinweis darauf, welche Art von Lösung bei Deutschsprachigen mit Interesse an geschlechtsneutraler Sprache beliebt wäre.

Sonstige Überlegungen

Unabhängig davon, ob die unmarkierte Grundform (z. B. Lehrer) oder die von uns vorgeschlagene Form mit der Endung -e (z. B. Lehrere) für die geschlechtsneutrale Bedeutung verwendet wird, scheint uns der Vorschlag einer männlichen Movierung durchaus sinnvoll, um die Geschlechtsmarkierung in der deutschen Sprache symmetrisch zu machen. Der Hauptgrund dafür, dass wir bisher keine männliche Movierung in das von uns vorgeschlagene De-e-System integriert haben, ist, dass wir davor zu dieser Idee noch in unseren Foren Feedback einholen wollen.

Der oben genannte Vorschlag, das Neutrum statt des Inklusivums für geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen zu verwenden, hat unseres Erachtens ebenfalls mehrere Probleme, die wir auf einer gesonderten Seite erläutern.


1 Im Juni 2021 hat es in unserer Facebook-Gruppe und unserem Discord-Server ein Meinungsbild zu diesem Thema gegeben. Es gab zwei Optionen zur Auswahl:

  • Ich bin dafür, dass wir die unmarkierten, bisher maskulinen Substantivformen in unsere Diskussion zur Konsenslösung für ein geschlechtsneutrales Sprachsystem einbeziehen.
  • Ich bin dafür, dass wir ausschließlich Vorschläge in diese Diskussion einbeziehen, die von neuen Substantivendungen ausgehen.

Von den 24 Personen, die ihre Meinung dazu geäußert haben, haben sich 17 für die zweite Option ausgesprochen und nur 7 für die erste. Wir haben daher diese Option nach diesem Meinungsbild in unserer kollektiven Entscheidungsfindung nicht weiter in Betracht gezogen. Es gab danach auch von anderen Teilnehmernen unserer Foren keine Bestrebungen mehr danach, diese Option doch noch in Betracht zu ziehen.